Kleines Glücksspiel am Kaugummiautomaten

In der Volksschule war ich Dealerin.

Erschienen am 30.07.2015 auf NZZ.at. llustration: Lilly Planholzer.

Mein Umschlagplatz: die Klasse 3a. Ich versorgte meine Kollegen mit Schokolade, Gummischlangen und Goldbären. Die neunjährigen Süchtler standen täglich pünktlich zur Pausenglocke vor meinem Fach und steckten mir ihr Taschengeld zu.

Ich verstand das Prinzip von Angebot und Nachfrage recht schnell. Als einzige Dealerin weit und breit konnte ich horrende Preise verlangen. Mein Geschäftsleben hatte einen einzigen Zweck: Es finanzierte meine Spielsucht. Ich war Zockerin, der Kaugummiautomat vor der Schule mein einarmiger Bandit.

Täglich verspielte ich meinen Gewinn am Automaten. Ich wollte den Krimskrams, also Ringe, Figuren und Flummis. Bekam aber meist die Kaugummis. Zuckersüß und steinhart. Einwerfen, drehen, Klick, Spannung, Klappe auf. Wieder nicht. Kaugummi in den Mund, wieder Münze hervorkramen. Nächster Kaugummi. Ich war süchtig danach.

Irgendwann flog mein Schwarzmarkt auf, weil sich Ameisen, angelockt vom süßen Stoff, in den Klassenraum einnisteten. Ich habe es dann sein lassen. Der Kaugummiautomat meiner Kindheit ist heute fast von meinem Radar verschwunden. Außer ich höre auf dem Heimweg ein paar Münzen in meiner Tasche klirren, dann bekomme ich wieder Lust darauf.

Der Text war Teil der Morgenkolumne „Unterwegs”, bei der jede Woche von verschiedenen Autorinnen und Autoren ein Thema kommentiert wurde. Diesmal: Dinge, die bald aussterben.

Posted in: Allgemein

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