Ich bin nicht Angelina

Will ich wirklich wissen, ob ich einen Gendefekt in mir trage?

Erschienen am 15.10.2015 auf NZZ.at. Foto: Rosmarie Voegtli/flickr

Die Tante mit 25.

Die Großcousine mit 40. Beide mütterlicherseits.

Papas Cousine war um die 50.

– Sonst noch jemand?

Nein, Brustkrebs hatte sonst niemand.

Ich sitze einem weißhaarigen Genetiker gegenüber, der meinen Stammbaum zeichnet. Einen Kreis für meine weiblichen Verwandten, ein Dreieck für die männlichen. Er wirkt bemüht, leiert die Fragen aber herunter. Es geht hier um mein Leben. Auf dem Tisch liegen Tempo-Taschentücher. Mit dabei: eine Psychologin und eine Gynäkologin.

Alter, Sterbedatum, Sterbegrund.

Drei Generationen. Wir gehen Person für Person durch. Ich stammle. Der Genetiker kritzelt unentwegt. Meine Familie ist ein Wühltisch: Tumore, Schlaganfälle, Krebsgeschwüre. Der Arzt interessiert sich für drei Frauen. Tante, Cousine, Großcousine.

Drei Verwandte. Dreimal Brustkrebs. Zwei Tote, eine Überlebende: meine Tante. Sie hat eine klapprige Figur. Es fühlte sich als Kind eigenartig an, wenn sie mich hochgehoben hat. Irgendetwas fehlte. Die Brüste wurden ihr mit 25 abgenommen, ein Lungenflügel während der Behandlung zerstört. Heuer wird sie 70. Wir sehen uns ähnlich. Ich lache so schrill wie sie. Sie ist seit Anfang 20 Nonne. Ich habe sie seit einem halben Jahr nicht gesehen.

Meine Tante war 25. Ich bin 25. Ich habe gerade mein Studium abgeschlossen. Bei ihr ist mit 25 etwas weggebrochen. Womöglich geht es mir irgendwann auch so wie ihr. Vielleicht hat sie sie mir den Krebs mitgegeben. Der weißhaarige Mann kann das herausfinden. Ich will meine Gene kennenlernen.

Er öffnet eine 21-seitige Ringmappe. Große Schrift, pinke Balken. Immer dieses Pink. Alles ist pink, was mit Brustkrebs oder anderen Frauenkrankheiten – „Frauenleiden“ – zu tun hat. Pinke Schleifchen, Broschüren, Poster. Pink. Ich kann es nicht mehr sehen.

Es ist der häufigste Krebs bei Frauen.

Bei bis zu jeder zehnten Frau liegt der Krebs in der Familie. Schuld sind zwei Gene: BRCA 1 und BRCA 2. So heißen sie. Wenn eines der beiden sich verändert, haben Frauen ein 85-prozentiges Risiko auf Brustkrebs und ein 53-prozentiges auf Eierstockkrebs. Erkrankt eine Frau unter 35 daran, gehören die Familienmitglieder zur Hochrisikogruppe. Ich habe ein Risiko.

Mein Gynäkologe hat mir Angst gemacht.

In Österreich gibt es 70 Beratungsstellen. Seitdem sich die Schauspielerin Angelina Jolie 2013 die Brüste amputierten ließ, informieren sich fünfmal mehr Frauen als früher. 700 Frauen haben sich 2014 analysieren lassen. Bei bis zu einem Viertel wird das Gen entdeckt.

Bei Jolie ist das Gen BRCA 1 mutiert. Deshalb hat sie sich ihre Brüste und vor kurzem auch ihre Eierstöcke sicherheitshalber entfernen lassen. Man hat nur zwei Möglichkeiten: mit der Angst leben, sich regelmäßig untersuchen lassen, vorsorgen – oder so zu handeln wie Angelina.

Nun. Ich bin nicht Angelina. Bin nicht mit Brad Pitt verheiratet. Besitze keine Villa in Frankreich. Spreche nicht vor der UNO. Adoptiere keine Kinder. Ich bin nicht diese zur Überfrau stilisierte Schauspielerin.

Vielleicht haben wir denselben Gendefekt. Vermutlich macht ihr die Sache auch so eine Scheißangst wie mir. Ihre Mutter hat der Krebs dahingerafft, ihre Großmutter ebenso. Ich muss an meine weiblichen Verwandten denken.

Will ich es wirklich wissen? Was, wenn der Test positiv ist? Soll ich mir sicherheitshalber die Brüste abnehmen lassen?

„Implantate wirken heute schon wie richtige Brüste“, sagt die Gynäkologin. Ich habe mir nächtelang YouTube-Videos von Silikonbusen und Betroffenen angesehen. Ich bin anderer Meinung. Nie im Leben werde ich mir Brüste mit Silikon oder aus körpereigenem Gewebe spannen lassen. Ich würde mich an den Stellen tätowieren. Ich überlege mir Motive. Vielleicht Pfeile. Komischer Gedanke. Ich versetze mich in ein krebskrankes Ich. Dabei habe ich keinen Krebs und weiß noch gar nichts.

Jolie schildert in einem Gastkommentar der New York Times, dass ein Gentest gesundheitliche Kontrolle ermöglicht. Die Verlockung ist groß, die Gene zu entschlüsseln. Eine Speichelprobe reicht. Kann ich mit dem Ergebnis leben?

„Denken Sie darüber nach“, sagt der weißhaarige Genetiker. „Am klügsten wäre es, wenn sich Ihre Tante austesten lässt, ob sie eine Mutation in sich trägt.“ Nur fünf bis zehn Prozent von Brust- und Eierstock-Krebserkrankungen sind vererbt. Die Mehrheit bekommt Krebs zufällig. Sind die Gene meiner Tante aber verändert, ist mein Risiko erhöht und ebenso das meiner Schwestern, Cousinen und meiner Mutter.

Es würde ein Jahr dauern, bis ich das Ergebnis wissen würde. So lange. Die akuten Fälle werden vorgezogen. Ich sei ja noch jung, sagt der Weißhaarige.

„Was werden Sie nun machen?“

Erst einmal nachdenken. Die letzte Seite der Ringmappe ist erreicht. Seite 21. Ich bin erleichtert. Das beschissene Gespräch ist endlich vorbei. Ich verlasse die Abteilung, hetze aus dem Krankenhaus.

Draußen setze ich mich auf eine Parkbank und krame mein Handy hervor. Ich suche nach der Telefonnummer meiner Tante. Ich habe ihre Nummer nicht. Was mache ich jetzt? Egal. Ich lebe damit.

Posted in: Kolumnen, Kurzes

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