Dörfer brauchen nicht nur Jobs, sie brauchen Lifestyle

Österreichs Dörfer leiden unter dem demografischen Wandel und der Abwanderung: Frauen und Junge gehen, Alte bleiben. Bei den Kommunalen Sommergesprächen in Bad Aussee suchte man Strategien dagegen. Dörfer sollten sich etwa eher als Lifestyle-Produkte verkaufen und sich vom Gedanken lossagen, dass günstige Baugründe den Nachwuchs halten. 

Erschienen am 25.07.2015 auf NZZ.at. Foto: ROLLEI/flickr

Alle schwärmen vom Landleben. Von der Provinz, den Wäldern und Wiesen. Den Kirchen, Schlössern, Wanderwegen und von der Vertrautheit. Man grüßt sich. Die Luft hält gesund. Entschleunigung. „Ma, is des schee!“

Aber wer will, wer kann denn wirklich am Land leben oder bleiben? Das ist die Frage, die am Anfang steht, in der großen Debatte um den demografischen Wandel. Die Menschen zieht es in die Städte, die Dörfer leiden unter einer massiven Abwanderung. Reisende hält man aber schwer auf, vor allem wenn man ihnen keine Perspektive bieten kann. „Das Land muss deshalb urbaner werden“, sagt etwa Gerlind Weber.

Die Raumplanerin an der BOKU war bei den Kommunalen Sommergesprächen des Gemeindesbundes  im steirischen Bad Aussee, bei denen Bürgermeister, Politiker und Experten drei Tage lang in der Hitze die Herausforderungen und Strategien des ländlichen Raums debattierten.

Günstige Bauplätze bringen wenig

Dörfer müssen mittlerweile einen Lifestyle bieten, um die Leute zu halten, sagt Weber. Man suche Diversität, verschiedene Lebensentwürfe. Also quasi Pizzaservice, Waldorfschule und Coffee to go. „Am Land glaubt man noch immer, dass jeder Haus bauen und Kinder haben möchte. Das ist schon lange nicht mehr so“, sagt Weber. Außerdem seien die Abwanderer ohnehin jünger als „Häuslbauer“. Den Jungen billige Bauplätze anzubieten, bringe demnach nichts.

Das Land hat auch ein Problem mit Frauen: Doppelt so viele Frauen wie Männer ziehen laut Weber ihren Heimatgemeinden davon. Frauen folgen ihren Partnern, sind bildungsaffiner und finden am Land schwieriger Jobs. Und sie nehmen den Nachwuchs mit.

Internet und Energie gegen das Dorfsterben

Dass es schwierig ist, aus diesem Teufelskreis zu entkommen, bestreitet wohl niemand. Es gibt aber Gemeinden, die sich daranmachen, gegen ihr Verschwinden etwas zu tun:

Im Waldviertel etwa investierten die Bürgermeister der Gemeinden St. Martin, Großschönau und Bad Großpertholz in eine schnelle Internet-Infrastruktur. Sie wollen damit den Datenheißhunger von YouTube, Netflix und Co., aber auch Homeoffice fördern. Seitdem zieht es wieder ein paar Menschen mehr in die leer stehenden Häuser.

Oder Weiz, das sich zu einer Energie-Modellregion aufgebaut hat. Die oststeirische fusionierte Gemeinde schafft selbst Arbeitsplätze, stellt Fahrräder zur Verfügung, baut die Schulen aus. Im Kindergarten wird mit dem Nachwuchs über Energie gesprochen, damit die Kinder später selbst Lust darauf haben, in Weiz anzupacken.

In beiden Gemeinden hieß die Lösung Verbrüderung. Das sieht auch Weber so: „Dörfer sollen weg von der Konkurrenz und hin zu Kooperationen.“

Warum nützt niemand das Wissen der Abwanderer?

Gemeinden müssen ihre Struktur überdenken. So sagt beispielsweise Luis Fidlschuster von der ÖAR Regionalberatung, dass Gemeinden endlich das Wissen der Abgewanderten nützen sollten. Das werde noch immer zu wenig gemacht. „Die Abgewanderten haben ja Sehnsucht nach ihrer verlorenen Heimat“, sagt Fidlschuster.

Das Konzept Heimat hat sich verändert. Man lebt an vielen Orten. Auch wenn jemand weggezogen ist, ist sein Potenzial nicht verloren gegangen. Wie gut es geht, Netzwerke zu halten, zeigt beispielsweise Südstern.org, ein Netzwerk für Südtiroler im Ausland. Auf ihrer Seite schreiben sie: „Südstern ist mehr als ein Netzwerk. Es ist eine Lebenseinstellung.“

Vielleicht sollten auch andere Gemeinden offener werden.

Die Autorin folgte der Einladung des Gemeindebunds.

Posted in: Allgemein

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