Die im Dunkeln sieht man nicht

Frauen treten in der Wiener Stadtplanung von der Dunkelheit ins Licht. Parks, Garagen und Straßen sollen für sie schrittweise sicherer werden. Gut, dass sich die Stadt Wien um gendersensible Anliegen kümmert. Scheinheilig, dass man Prostituierte zeitgleich in die Finsternis verbannt.

Erschienen am 29.07.2015 auf NZZ.at. Foto: Transformer18/flickr.

Eine Situation, die wohl jede kennt. Die Feier war gut, irgendwann, spätnachts, geht man nach Hause. Man hört Schritte, zuckt kurz zusammen. Werde ich verfolgt oder geht da jemand auch nur heim?

Eine Stadt sieht für jeden gleich aus, sie fühlt sich aber nicht für jeden gleich an. Frauen wird im öffentlichen Raum öfters zugerufen, nachgepfiffen, zugewunken. Sie werden verfolgt oder blöd angemacht.

Obwohl Männer öfter Gewalttaten zum Opfer fallen als Frauen, fühlen sich Frauen in der Öffentlichkeit unsicherer. Spätnachts nach Hause zu gehen etwa ist für Frauen eine Frage der Planung: Soll ich durch den finsteren Park gehen oder den längeren Weg durch die Wohnsiedlung?

Die Stadt Wien setzt deshalb auf – sogar ausgezeichnete – gendersensible Stadtplanung. Plätze sollen übersichtlicher, dunkle Gassen, Parks und finstere Alleen beleuchtet werden.

Gutes Konzept. Aber es hakt ein wenig. Es gibt eine Gruppe von Frauen, um die sich niemand zu kümmern scheint: Wiens Sexarbeiterinnen. Ende 2011 wurde das Prostitutionsgesetz der rot-grünen Wiener Stadtregierung ein Jahr nach ihrer Angelobung umgesetzt und die Frauen aus den beleuchteten Wohngegenden an den Stadtrand verfrachtet. Seitdem stehen sie im finsteren Nirgendwo in Liesing und Floridsdorf. Die Gewalttaten an Sexarbeitern explodieren, sagt Christian Knappik von Sexworker.at. Für sie gibt es kaum Infrastruktur, Klos fehlen.

Sie müssen in die Autos steigen, weil es keine Hotels gibt. Die Gefahr für die Frauen maximiert sich. Sie  verlieren ihre Unabhängigkeit, sind wieder auf Aufpasser angewiesen. Und das, obwohl das Wiener Rotlichtmilieu früher eines der sichersten Europas war. Prostituierte werden jetzt von der Stadt ins Industriegebiet vertrieben. Eine Situation, die wohl kaum jemand kennt.

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