Der Versager

Der wohl erfolgreichste Versager ist Homer Simpson von der Zeichentrickserie „Die Simpsons”.

Erschienen am 17.09.2015 auf NZZ.at. Illustration: Lilly Panholzer.

Der gelbe Antiheld trinkt zu viel, ist ein schlechter Vater, Arbeitnehmer und Ehemann. Die Zuseher mögen ihn trotzdem. Der Versager Homer ist liebenswert. Man geht gerne mit ihm auf einen Drink. Neben ihm muss man sich nämlich nicht beweisen, und nach einem Treffen mit ihm fühlt man sich heimlich besser. So schlimm ist das eigene Leben im Vergleich dann doch nicht.

Ein Versager wie Homer ist beim Versuch gescheitert, schlanker, schlauer, schöner und erfolgreicher zu werden. Der Versager hat es nicht auf die Reihe gekriegt. Er hat den Traumjob verpasst, die Uni abgebrochen, wurde durch eine Umstrukturierung im Unternehmen auf die Ersatzbank gesetzt. Niemand bittet einen Versager zum zweiten Rendezvous.

Dabei war er auch einmal ein Macher. Er war Visionär, Unternehmer, Künstler, Träumer, der sich mit seiner Unternehmung und Idee nach vorne gekämpft hatte, bewundert wurde, bis er schließlich eine Bruchlandung hinlegte. In der Gründerszene wird das Versagen als unverzichtbares Momentum für den Erfolg gesehen, schreibt etwa Brand-Eins-Essayist Wolf Lotter.

Wir brauchen eine Scheiterkultur, wird von erfolgreichen Unternehmern gepredigt. Aber bitte nur, wenn man danach mindestens genauso erfolgreich ist wie vor der Niederlage. Und bitte nur, wenn eine Niederlage zu einem wertvollen Erfahrungs-Rohstoff wird.

Alles andere bereitet uns Menschen der Wissensgesellschaft Sorgen. Wir fürchten uns, auch als Versager zu enden.

Vielleicht sollten wir es ein bisschen wie die Buddhisten halten. Sie können gar nicht scheitern, weil sie keine Erwartungen haben. Oder vielleicht sollten wir uns auch einfach ein neues Mantra zulegen: „Ich versage, also bin ich.“

Der Text war Teil der Morgenkolumne „Unterwegs”, bei der jede Woche von verschiedenen Autorinnen und Autoren ein Thema kommentiert wurde. Diesmal: Schimpfwort.

Posted in: Kolumnen, Kurzes

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