Ein Rockmusiker für den ESM

Harald Waiglein ist Entscheidungsträger in Zeiten der Griechenland-Krise. Als österreichischer Vertreter im ESM berät der Sektionschef mit ungewöhnlichem Karriereweg darüber, wie die nächsten Schritte im Streit mit Athen aussehen könnten.

Erschienen am 07.07.2015 auf NZZ.at.

Er konnte das Ergebnis des Griechenland-Referendums am Sonntag nicht glauben. „Ich war schockiert. Ich konnte es mir nur so erklären, dass die Regierung die Bevölkerung falsch informiert hat“, sagt Harald Waiglein. Denn Griechenland könne nicht ohne weiteres Hilfsprogramm existieren, sagt der 46-Jährige.

Harald Waiglein
© photonews.at/Georges Schneider

Ob und wie viel Griechenland im Fall der Fälle bekommen würde, dafür ist unter anderem Harald Waiglein verantwortlich. Er vertritt Österreich im 19-köpfigen Direktorium des Euro-Rettungsschirms ESM. Von dort kommt das Geld, wenn Euroländer Hilfe benötigen. Im Gegensatz zu dessen Vorgänger EFSF (Europäische Finanzstabilisierungsfazilität) ist der ESM auf Dauer angelegt. Bislang hat er Spanien und Zypern unterstützt.

Milliardenverantwortung

Der ESM verwaltet insgesamt rund 700 Milliarden Euro, wovon 80 Milliarden Euro tatsächlich beim ESM hinterlegt sind. Waiglein trägt die Mitverantwortung für den österreichischen Anteil am Paket (19,5 Milliarden Euro an Verpflichtungen und 2,27 Milliarden Euro an deponierten Mitteln). Alle zwei Wochen ist er dafür in Brüssel und tagt mit den anderen Direktionskollegen. Als Österreichischer Vertreter braucht Waiglein für bestimmte Entscheidungen eine Ermächtigung des Nationalrates.

Außerdem ist er Mitglied im europäischen Wirtschafts- und Finanzausschuss, der von Thomas Wieser geleitet wird. Die Wege von Wieser und ihm kreuzten sich schon im Finanzministerium: Waiglein ist Chef der Sektion III „Wirtschaftspolitik und Finanzmärkte“ im BMF und folgte damit 2012 auf Thomas Wieser.

Von Popkultur zu Wirtschaftspolitik

So eine Karriere wie die von Waiglein lässt sich nicht planen und ist weit entfernt von der üblichen politischen Ochsentour. Der gebürtige Wiener studierte Jus und Dolmetsch (Portugiesisch, Englisch) und wurde in der Wiener Musikszene der 1980er Jahre sozialisiert: Sein „Bomb Circle“ war die Untergrund-Kapelle der heimischen Rockszene. Er schrieb zudem einen Song für den Soundtrack von „Before Sunrise”.

„Sometimes the opposite it looks the same“, sang er in „Indecision“ 1989. Von seinem Musikerleben – er war als Kind auch Sängerknabe – kann er auch heute einiges brauchen: „Ich habe damals wichtige Erfahrungen gemacht, etwa wie man richtig verhandelt.“

Das Künstlerleben gab Waiglein aus finanziellen Gründen auf. Er wurde Journalist. Seine Stationen: FM4Ö1, Wirtschaftsredaktion und Chefredaktion Wiener Zeitung.

Vom Pressesprecher zum Sektionschef

Dann kam der Schritt in die Politik: 2007 wurde er von Wilhelm Molterer als Ministeriumssprecher geholt, 2009 war er in Josef Prölls Kabinett Ressortsprecher, bis er von Maria Fekter zum Sektionschef bestellt wurde. Er kam in der Finanzkrise und erlebte jede Bankenverstaatlichung.

Waiglein ist einen weiten Weg gegangen. Vom Linksradikalen zum Wirtschaftsliberalen, wie es in einem Porträt in der Presse heißt. „Das ist nicht ganz falsch. In meinen Jugendjahren war Kapitalismuskritik ganz groß. Am linken Kaffeehaustisch hat man vieles geglaubt“, sagt Waiglein. Er ist einer, der immer mehr wissen möchte. Ein Grund, warum er derzeit „nebenbei“ einen Finanzmathematik-Master in London absolviert.

Die Musik hat er dennoch nicht aufgegeben. Er spielt noch ab und zu, aber mittlerweile lieber Blues als Rock. Blues sei auch der passende Soundtrack zur Griechenland-Krise. Rembetiko heißt der griechische Blues der 1920er Jahre und erzählt von den Sorgen und Erfahrungen der Leute. Rembetikos haben eine fatalistische Grundstimmung, sagt Waiglein.

Posted in: Porträt

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