Wo geht’s hier zum Traumjob?

Jannike Stöhr hat sich eine Auszeit von ihrem gutbezahlten Job als Personalerin genommen, um in einem Jahr 30 Jobs zu testen. Das Ziel: endlich den Traumberuf zu finden.

Erschienen mit VIDEO (Lukas Wagner) am 05.04.2015 auf NZZ.at

Fotografin, Journalistin, Tänzerin oder doch lieber den Rest des Lebens Tiere häuten? Jannike Stöhr probiert alles aus, um endlich den Job zu finden, der sie erfüllt. Denn die 28-Jährige hatte lange Zeit ein quälendes Gefühl im Bauch. Die Norddeutsche studierte berufsbegleitend Betriebswirtschaft und machte Karriere als Personalerin. Sie verdiente viel Geld, ging shoppen ohne Ende, suchte die Herausforderung und arbeitete eineinhalb Jahre lang in Peking. Aber irgendwie war sie nicht zufrieden. Irgendwie fühlte sie sich leer. Es hat ihr nichts gegeben, das volle Konto, die schönen Kleider, das Prestige im Job. „Ich hatte das Gefühl, dass das Leben an mir vorbeizieht und ich einfach nicht glücklich werde“, sagt Jannike.

Sie versuchte, das ungute Bauchgefühl zu verstehen. Sie pilgerte den Jakobsweg und lebte ein halbes Jahr lang nahezu konsumfrei, hat lediglich Nahrungsmittel gekauft. „Es fühlte sich sehr gut an. Ich hatte auf einmal so viel Zeit für mich“. Es war aber trotzdem wie verhext. Immer noch fühlte sie sich unwohl. Immer noch ging es ihr nicht besser. „Ich war so sprunghaft, ich nervte meine Freunde jede Woche mit einer neuen Idee, was ich aus meinem Leben machen könnte.“ Angeregt durch ein Buch über ein ähnliches Experiment wagte sie das Abenteuer „30 Jobs in einem Jahr“. Sie ließ sich von ihrem Arbeitgeber freistellen und schrieb eine Liste von Jobs, die sie gerne einmal ausprobieren würde. „Ich war überrascht, wie offen die Leute waren. Jede Anfrage, die ich stellte, wurde positiv beantwortet.“

Sie schenkte sich Zeit, um ihr Leben umzureißen. Seitdem tourt sie durch Österreich und Deutschland; macht Selbstfindung im Schnelldurchlauf und bloggt darüber. 30 einwöchige Praktika in einem Jahr. 21 Jobs hat sie schon ausprobiert. Etwa Tanzlehrerin, Tierpräparatorin und Winzerin. „Am meisten hat mich bislang die Pathologie überrascht. Ich habe nahezu jedes menschliche Organ gesehen.Das war total spannend und einige der Erkenntnisse aus der Woche haben mich zur Vegetarierin gemacht“, sagt die 28-Jährige.

Der Rahmen existiert nicht mehr

Jannike hat bei ihrem Selbstfindungsquickie meist nur einen kleinen Koffer und ihren Laptop dabei. Sie übernachtet bei Freunden oder findet bei Fremden einen Schlafplatz über das Onlinenetzwerk Couchsurfing. „Ich bin durch dieses Jahr viel offener geworden und höre auf mein Bauchgefühl“, sagt Jannike. Das sei auch das, was heutzutage wichtiger ist als früher: sich selbst zu kennen. Denn der Rahmen sei weg:

Früher hattest du einen Wohnort, einen Partner und einen Job, den man sein Leben lang machte. Heutzutage gibt es viele verschiedene Wege. Deswegen muss man lernen, auf seine Intuition zu hören.

Jannike hat nur mehr 9 Jobs vor sich, darunter Polizistin und Politikerin. Aber noch immer ist ihr nicht genau klar, was sie machen möchte. Der Unterschied zu früher: Das nagende Gefühl im Bauch sei weg. „Ich bin entspannter geworden“, sagt sie. Bald ist das Jahr vorbei, in dem sie fast wöchentlich ins kalte Wasser gesprungen ist, mit neuen Leuten arbeiten musste und neue Städte entdeckte. Bald ist ihr Erpartes verbraucht. Bald muss sie sich entscheiden, ob sie ins Hamsterrad zurück will.

„Ich werde mir als nächstes einen Fixpunkt in meinem Leben suchen. Ich habe nämlich quasi Heimweh nach einem Platz, wo meine Sachen und wo meine Freunde sind.“

Vielleicht ist sie auch deshalb entspannter, weil der erste Auftrag nach ihrem Abenteuer schon vor der Tür steht. Sie wird über ihr Selbstfindungsjahr schreiben. Der Buchvertrag dafür ist schon unterzeichnet.

Posted in: Allgemein

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