Wenig Feierlaune bei den Griechen in Wien

Auch griechische Auswanderer in Wien haben beim gestrigen Referendum mitgeschwitzt. Obwohl sich die meisten über das Ergebnis freuten, wollte die Euphorie nicht so wirklich ausbrechen. Zu Gast beim griechischen Abstimmungs-Dinner. Serviert wurden Oliven, Schafkäse und Pragmatismus. 

Erschienen am 06.07.2015 auf NZZ.at.

Plötzlich ist alles schwarz. Nichts funktioniert mehr. Welch Ironie: Selbst in Österreich scheint das Glück nicht auf Seiten der Griechen zu sein. Aber hier geht es nur um den Fernseher. Gerade als am griechischen Sender die ersten Hochrechnungen vom Referendum präsentiert werden, schaltet sich der Bildschirm aus. Die Runde murrt. Ioannis hatte vergessen, das Ladekabel anzustecken. Das Gerät braucht Saft. „Keine Sorge, gleich sehen wir, was mit uns passiert“, sagt er.

Ioannis ist Besitzer des griechischen Feinkostladens „Pantélion“ im siebten Wiener Bezirk. Unter der Woche verkauft er dort Tees, Olivenöl und Sesam-Pasten von kleinen Produzenten seiner Heimat, am Sonntagabend hat er seine griechischen Landsleute zum Referendum-Essen geladen. Manche von ihnen sind erst seit drei Monaten in Österreich, andere leben schon seit Jahrzehnten hier. Sie kamen wegen der Krise, wegen Jobangeboten, der Familie  oder einfach aus dem Wunsch heraus, sich hier zu verwirklichen. Sie sitzen gedrängt auf der Bank oder hölzernen Klappstühlen und sehen zu, was in ihrem Land passiert. Am Bildschirm wechseln sich Expertengespräche und imposante Bilder von Menschenmassen mit griechischen Flaggen in ihren Händen ab. Die Auswanderer schwitzen mit – in Österreich ist es an diesem Tag heißer als in Griechenland.

Vier Stunden lang wird zu Oliven, Schafkäse, Pastizio (Nudelauflauf), Tiramisu und griechischem Wein über die Zukunft ihrer Heimat diskutiert. Dabei können die meisten der rund zehn Auswanderer mit dem Referendum nicht viel anfangen. Ioannis sieht es nüchtern. „Die Abstimmung zählt für mich nicht. Wichtig ist, was in den nächsten Tagen passiert“, sagt der 38-Jährige Ladenbesitzer.

Als das Ergebnis verkündet wird, jubelt niemand

5,5 Millionen Griechen haben gestern Abend „Nein“ zu den bisherigen Bedingungen der Geldgeber für die griechischen Hilfsprogramme gesagt. Auch die Dinner-Runde gehört mehrheitlich zu der „Nein“-Fraktion und ist erleichtert, als der öffentlich-rechtliche Sender das Ergebnis verkündet. Trotzdem lächelt niemand, geschweige denn ist in Partylaune. „Ich habe mir das Ergebnis erhofft“, sagt Alexandros, „denn die Maßnahmen der vergangenen Jahre waren für die griechische Bevölkerung ohne Würde. Wir sind die vergangenen fünf Jahre in einer Abwärtsspirale festgesteckt.“ Der 33-jährige Architekt ist halb Grieche, halb Österreicher, er wertet das Ergebnis als Zeichen der erschöpften griechischen Bevölkerung, die einfach nicht mehr kann. Die Abstimmung käme aber seiner Meinung nach fünf Jahre zu spät: „Damals ist das Sparpaket geschnürt worden, aber lieber spät als nie.”

Der Architekt Alexandros findet, dass das Referendum fünf Jahre zu spät kommt. 

Immer wieder ist die griechische Wirtschaft Thema beim Essen. „Ich wünsche keinem Land, dass es das durchmachen muss, was Portugal, Spanien oder wir durchmachen mussten“, sagt Alexandros. Aber auch wenn Alexandros überzeugt ist, dass die EU und die griechischen Regierungen viel falsch gemacht haben, sieht er sich als Europäer. „Ein EU-Austritt ist das Letzte, was wir brauchen.“

So geht es uns – wir spalten Europa

Immer wieder starren Passanten durch die großen Schaufenster zum Bildschirm.

„Wie steht es?“, fragt eine ältere blonde Frau mit bunter Handtasche und orangem Top. „Derzeit 60 Prozent“, antwortet Alexandros, der gerade draußen steht und raucht. Sie schlägt enttäuscht die Hände zusammen. Ein anderer Spaziergänger lächelt die Auswanderer an. „Ich gratuliere euch.“

„So geht es uns – wir spalten Europa“, sagt Ioannis und lacht. Immer wieder kommt er auf die Sache mit den Banken zu sprechen: „Aber beide haben Fehler gemacht. Unsere Regierung und die EU. Man hat die Banken gerettet, aber uns im Regen stehen lassen.“

Die SYRIZA-Regierung will wissen, ob das Volk zu ihr hält

Apostolos, 36 Jahre, Programmierer, sieht die Wahl ähnlich pragmatisch wie Alexandros und Ioannis. Seit drei Jahren lebt er in Wien und ist bei Sefev, dem Verein griechischer Akademiker, aktiv. Für ihn ist klar, um was es bei dieser Abstimmung ging: Um die griechische Politik. „Im Prinzip wollte die SYRIZA-Regierung wissen, ob wir zu ihr halten. Ein Ja auf die Abstimmung hätte schlimmstenfalls zu Neuwahlen geführt.“

Er ärgert sich darüber, dass es für ihn als Auslandsgriechen nicht möglich war zu wählen und lässt auch kein gutes Haar am griechischen Regierungschef, Ministerpräsident Alexis Tsipras: „Tsipras hat keine Führungsstärke. Hätte er sie, würde er die Griechen nicht über dieses Thema abstimmen lassen, sondern selbst entscheiden.“

Er hofft nun endlich auf Maßnahmen der Regierung, die seinem Land weiterhelfen. „Ich mache mir natürlich auch Sorgen um meine Familie. Ich weiß nicht, wie lange die alle noch durchhalten.“

Nach und nach verlassen an diesem Abend die Gäste das Lokal. Ioannis beginnt abzuwaschen. Nächste Woche ist wieder griechischer Stammtisch. Dort wird höchstwahrscheinlich die politische Lage in ihrer Heimat Hauptthema sein. Und wer weiß, wann sie wieder alle zusammen vor dem Bildschirm sitzen.

Posted in: Allgemein, Reportage

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