Sollen Frauen früher in Pension gehen? 4 Punkte dafür, 4 dagegen

Schon wieder. Die Debatte um eine raschere Anhebung des Frauenantrittsalters ist neu entflammt. Auslöser war diesmal die EU-Kommission. Bei ihrer länderspezifischen Empfehlung rügt sie Österreich: Das Antrittsalter von Frauen und Männern gehöre früher als geplant harmonisiert, außerdem solle das Pensionsantrittsalter an die Lebenserwartung gekoppelt werden (Mehr dazu hier).

Erschienen am 21.05.2015 auf NZZ.at. Foto: Michael Gwyther-Jones/flickr

Das hören wir quasi jährlich von der EU-Kommission. Aber ist die raschere Anhebung wirklich sinnvoll? Nach derzeitiger Rechtslage soll ab 2024 die reguläre Alterspensionsgrenze jährlich um sechs Monate erhöht werden, um das Antrittsalter der Frauen (derzeit 60) bis 2033 an jenes der Männer (65) anzugleichen.

Um in der Debatte zu bestehen, haben wir Ihnen einen Argumentationskitt zusammengestellt. Für beide Seiten.

Was spricht für eine raschere Anhebung?

Frauen sind früher am Ende ihrer Karriereleiter angelangt. Männer werden mit 60 Generaldirektor, Frauen Pensionistinnen. Das frühere Pensionsalter bringe damit eine grobe Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt, schreibt ÖVP-Abgeordnete Gertrude Aubauer auf NZZ.at-Anfrage. Außerdem blieben Frauen damit Weiterbildungsmöglichkeiten verwehrt.

Eine frühere Anhebung verhindert Altersarmut. Pensionistinnen sind laut Sozialbericht zu 17 Prozent armutsgefährdet, männliche Pensionierte zu 12 Prozent. Das wäre anders, würden Frauen länger arbeiten können. Weil Frauen viel weniger Jahre Versicherungsbeiträge leisten, führt das verkürzte Erwerbsleben zu niedrigen Pensionszeiten, argumentiert NEOS-Sozialreferent Johannes Gasser.

Arbeitsmarktprobleme sollen nicht in die Pension auslagert werden. Der Arbeitsmarkt wird sich in den nächsten Jahren nicht verbessern. Das beschreibt auch NZZ.at-Kollege Lukas Sustala. Kommen also Pensionisten nicht billiger als alte Arbeitslose? Nein, sagt Gasser von den NEOS. Gegenwärtig zeige sich laut Gasser nämlich am Arbeitsmarkt, dass das Arbeitspotenzial von Älteren extrem ansteigt. Er zitiert dabei das AMS: Die Arbeitslosenquote bei über 50-Jährigen liegt nämlich laut AMS mit 9,8 Prozent nur geringfügig über der durchschnittlichen Arbeitslosenquote aller Altersgruppen mit 9,1 Prozent.

Zurückgeblieben. Das „Mimimimimi-Argument“ kommt von der ÖVP: „Wenn wir nichts machen, sind wir 2020 das letzte Land in der EU, in dem Frauen ein zu den Männern verschiedenes Antrittsalter haben!“, schreibt Aubauer.

Wer für die raschere Anhebung ist: NEOS und ÖVP.

Was spricht gegen die raschere Anhebung?

Karriere ab 50? Schön wär’s. „Wir wissen, dass Karrieresprünge ab 50 Jahren kaum mehr gemacht werden“, sagt SPÖ-Sozialsprecher Johann Hell und zitiert die aktuellen AMS-Zahlen für April: Gegenwärtig sind rund 36.000 Frauen, die älter als 50 sind, arbeitslos. Das sind um 16,5% mehr als im Jahr 2014. Die größte Schwierigkeit sei es derzeit für Frauen, überhaupt in Beschäftigung zu bleiben. Frauen gehen oft  nicht aus der Erwerbstätigkeit in Pension, sondern aus der Arbeitslosigkeit oder dem Krankengeldbezug oder waren davor einfach „nur“ zu Hause, sagt die grüne Sozialsprecherin Judith Schwentner. Ältere hätten laut Schwentner kaum eine Chance auf einen neuen Job, wenn sie erst einmal arbeitslos sind.

Wir müssen noch ein paar Dinge regeln. Stichwort Vereinbarkeit von Beruf und Familie, gerechtere Einkommen. Vor der Anhebung müssen, laut Hell, die Benachteiligungen für Frauen abgebaut werden.

Zu kompliziert und geht sich nicht mehr aus. Eine Änderung des „Bundesverfassungsgesetzes über unterschiedliche Altersgrenzen von männlichen und weiblichen Sozialversicherten“ bedarf der Zweidrittelmehrheit, die gegenwärtig nicht als realistisch erscheint. Aber selbst für den Fall, dass eine solche zustande käme, müsste eine Änderung aus den genannten Gründen im Lauf des Jahres 2015 beschlossen werden, um 2019 in Kraft zu treten. Darüber hinaus, so argumentiert Judith Schwentner von den Grünen, müssen jene noch existierenden Bestimmungen in Gesetzen, Dienstordnungen, Kollektivverträgen und Betriebsvereinbarungen, die Frauen dazu zwingen, mit Erreichen des gesetzlichen Pensionsalters in Pension zu gehen, gesetzlich als sittenwidrig deklariert werden.

Es passt ja tatsächlich eh. Auch diese Argumentation findet man oft: Das tatsächliche Antrittsalter von Frauen in der Alterspension liegt mit 59,3 Jahren wesentlich näher beim gesetzlichen Pensionsantrittsalter (60) als bei Männern, die in der Regel mit 62,8 und nicht mit 65 in Pension gehen.

Wer gegen die raschere Anhebung ist: SPÖ, Grüne, FPÖ

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