Generationentexte: Lagebericht oder Heulsusen-Stoff?

Erschienen am 08.04.2015 auf NZZ.at. Foto: Christopher Michel/flickr.
Zur Vorgeschichte: Der Essay von Kurianowicz wurde von unserem Schweizer Mutterschiff NZZ vor eineinhalb Jahren veröffentlicht. Schon damals wurde er in den sozialen Medien heiß diskutiert, auch diesmal wühlte der Text auf.Die Autorin Stefanie Sargnagel kommentierte auf Facebook unter ihrem Pseudonym Sprengnagel:

Ganz klar: DIE Stimme einer Generation gibt es nicht. Kurianowicz spricht über das Lebensgefühl eines gewissen Milieus.
Ein Text, vor allem ein Essay aus der Ich-Perspektive gibt immer nur einen Teilaspekt eines Themas wieder. Warum stört das in dem Fall so sehr? Warum lässt es einen nicht kalt? Warum scrollt man nicht einfach weiter, wenn so ein Text in der Timeline erscheint oder fasst die Zeitung nicht an, wenn so ein Stück das Titelblatt ziert?

Und: Es ist ja nicht der graumelierte 50-Jährige (à la Bernhard Heinzlmaier) der den Jungen ihre Lebenswelt erklärt, sondern ein 30-Jähriger, der von seinen eigenen Erfahrungen schreibt.

Generationen sind laut dem Soziologen Karl Mannheim Individuen verwandter Jahrgänge, die sich durch ähnliche Erfahrungen untereinander verbunden fühlen, aber keine konkrete Gemeinschaft bilden. Und gewisse Jahrgänge gewisser Milieus machen ähnliche Erfahrungen, wachsen ähnlich auf und werden ähnlich von ihrer Umwelt geprägt. Das Wort Generationen wird mittlerweile inflationär– etwa: Generation Ego, Generation Praktikum, Generation Golf, Generation Ally – für die Beschreibung gemeinschaftsstiftender Gefühle benutzt.

Er gibt aber auch Tatsachen: Die Umwelt wandelte sich in den vergangenen 20 Jahren fast unbemerkt. Der Wandel kam zusammen mit Kabeln, mit denen das Kabelfernsehen unser Land umspannte, mit der Verdrängung des Festnetzes durch das Handy, mit dem Breitband-Internet. Mit den Smartphones. Mit Facebook. Mit Twitter. Mit der Wirtschaftskrise, die die Arbeitsbedingungen veränderten. Und so weiter.

Zurück zum Text und der Aufregung darüber. Uns erregt dieses „wir“. Kurianowicz hätte lieber nicht „wir“ schreiben sollen, sondern „viele von uns“ oder „einige von uns“. Wenn er schreibt „wir sind“, meint er „es kommt vor, dass viele von uns sind“. Denn Kurianowicz porträtierte ein privilegiertes Milieu, dessen Lebensrealität viele nicht teilen. Aber warum scheint es nur die Menschen zu erregen, die sich in einer ähnlichen Lebensrealität bewegen?

Jeder und Jede kapiert die Kritik darüber. Die Aufregung aber nicht. Ist diese Abwehrreaktion und dieser Aufschrei vielleicht auch Milieubedingt? Dieses „sich nicht in die Schublade stecken lassen wollen“, dieses „Ich kann mich damit nicht identifizieren“, dieses „Jede und jeder ist anders“?

Ich stelle zur Diskussion: Sind es nicht die Leute, auf die diese Texte zutreffen, die sich auf den Schlips getreten fühlen?

PS: Einigen wir uns darauf, dass NZZ.at die Leser bei Generation-Y-Texten vorwarn

Ganz klar: DIE Stimme einer Generation gibt es nicht. Kurianowicz spricht über das Lebensgefühl eines gewissen Milieus.
Ein Text, vor allem ein Essay aus der Ich-Perspektive gibt immer nur einen Teilaspekt eines Themas wieder. Warum stört das in dem Fall so sehr? Warum lässt es einen nicht kalt? Warum scrollt man nicht einfach weiter, wenn so ein Text in der Timeline erscheint oder fasst die Zeitung nicht an, wenn so ein Stück das Titelblatt ziert?

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