Braindrain: Junge Griechen geben ihr Land auf

Griechenland leidet nicht nur an einer Finanz-, sondern auch an einer Wissenskrise: Junge Griechen verlassen zu Tausenden ihre Heimat. Manche davon leben in Österreich. 

Erschienen am 03.07.2015 auf NZZ.at. llustration: Lilly Panholzer.

Schließlich stand George auf der Fähre, unter Deck sein silberner Renault Clio. Im Kofferraum befand sich nicht viel mehr als ein Computer, eine Decke und ein paar Pullover. Im Salzburger Pongau kann es kalt werden, hat er gehört.

Nach 30 Stunden auf dem Meer wurde ihm klar: Er hat Griechenland aufgegeben. Sieben Tage die Woche, 15 Stunden täglich für 700 Euro im Monat arbeiten; ein halbes Jahr lang keinen Lohn bekommen. Sein Bankkonto war leer. Seine inneren Batterien auch.

Er konnte und wollte nicht mehr daran glauben, dass es mit seiner Heimat wieder bergauf gehen könnte.

Er hatte seinen Lebenslauf einer Headhunterin geschickt. Seine Ansprüche waren simpel: Hauptsache ein Job, durch den er wieder an Lebensqualität gewinnen könne, sagte der 31-jährige Programmierer. Dass das in der 10.000-Einwohner-Gemeinde St. Johann sein würde, war Zufall. Oder Fortuna. „Ich wusste aber, es ist nur eine Zwischenstation.“

Wer kann, macht es wie George und geht. Mit ihm verliert Griechenland auch Wissen. Das Land steckt seit 2008 nicht nur in einer finanziellen Krise, sondern auch in einer Wissenskrise. Das „Humankapital“ geht verloren, die hochqualifizierten Arbeitskräfte wandern aus. Dieser „Braindrain“, wie der Wegzug von Talenten auch genannt wird, hat seit der Krise zugenommen. 22.279 Fachkräfte haben Griechenland seit 2008 verlassen. Die meisten von ihnen gehen nach Zypern oder Großbritannien.

Auch in Österreich stranden Griechen. 2014 kamen laut Statistik Austria rund 1.100 Griechen in die Republik, 2008 waren es nur rund 300 Griechen.

Im Groben gibt es zwei Typen. Die Kosmopoliten, die sich an ein internationales Leben mit Länderwechsel gewöhnt haben, und die anderen, die eigentlich zurück wollen, aber aufgrund der Krise nicht können.

 

George hat sich mittlerweile damit abgefunden und hantelt sich von Job zu Job, ohne wirklich Wurzeln zu schlagen: Nach eineinhalb Jahren in St. Johann im Pongau lebte er eine Zeit lang in Wien, momentan arbeitet er als Programmierer in Zürich. Als ITler ist es für ihn leicht. Die Programmiersprache klingt überall gleich. Arbeitslosigkeit muss er nicht fürchten. Sein Job ist gefragter als andere.

Nur mehr wenige seiner Freunde leben in Griechenland, die meisten sind quer über Europa verstreut. Sie unterhalten sich via Skype, treffen sich in verschiedenen Städten einmal im Jahr. Der Bezug ist immer noch da: Sie verfolgen das Mediengeschehen in Griechenland. George hat noch drei Geschwister, die wie die Eltern noch daheim leben. Egal wie das Referendum in Griechenland ausgeht, sagt George, „es bleiben harte Zeiten für Griechenland“. Deshalb hat er seiner Familie Zugriff auf sein Konto gegeben, um sie zu unterstützen. Auch seinen Freunden greift er finanziell unter die Arme, wenn es nötig ist.

Von Putzfrauenstreiks und fehlendem Klopapier

Auch Eleni macht sich Sorgen um ihre Familie. Sie ist aber froh, Athen vor knapp zwei Jahren verlassen zu haben. In Wien ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin beschäftigt. Die 28-Jährige erzählt von Putzfrauen-Streiks an der Uni und davon, dass sich die Studenten irgendwann selbst ihr Toilettenpapier mitnahmen. Irgendwann konnte sie nicht mehr. Sie sagt: „Ich habe alles versucht, um in Griechenland zu bleiben.“ Die 28-jährige Historikerin war in ihrer Heimat ein Jahr lang arbeitslos und musste bei ihren Eltern leben. „Irgendwann dachte ich mir, dass ein Leben in einem anderen Land wahrscheinlich besser sein würde.“ Eleni schreibt in Wien gerade an ihrer Doktorarbeit und finanziert sich über ein österreichisches Stipendium.

„Wir sind Europäer, nicht Griechen“

Wie George fühlt sich Eleni nur mehr als Besucherin ihres Heimatlandes. „Ich sehe mich als Europäerin und nicht mehr als Griechin. Ich gehe in die Regionen, die mir Perspektive geben.“ Das bestätigt auch George: „Wenn wir in einem Land keine Jobs finden, müssen wir in das nächste ziehen. Das ist das Los unserer Generation.“

Die Jungen fühlen sich irgendwie verloren, sagt George. „Wir können keine Familien gründen, weil wir kein Geld haben. Wir sind 30, und viele von uns wohnen noch bei den Eltern. Wir können keine Pläne machen und uns nichts aufbauen. Das macht uns irgendwie verloren.“ In Griechenland ging seit 2008 die Geburtenrate um 15 Prozent zurück.

Man kann ihnen ihren Pragmatismus und ihre Resignation nicht verübeln. Jeder zweite Grieche zwischen 15 und 25 Jahren ist arbeitslos. Das ist die höchste Jugendarbeitslosigkeit in Europa.

Der Bezug zur Familie bleibt auch in der Ferne erhalten. Die Jungen sind nicht nur wehmütig. Einerseits sind sie wütend auf die Generation ihrer Eltern: „Sie haben uns die Krise eingebrockt“, sagt Eleni. Andererseits machen sie sich Sorgen. „Unsere Elterngeneration wurde doppelt verlassen.“ Ihre Eltern gingen damals in den 1960er Jahren als Gastarbeiter ins Ausland, jetzt gehen ihre Kinder, sagt George.

Die aktive griechische Diaspora in Europa

Die Finanzkrise hat bei den Jungen aber auch ein politisches Feuer entfacht. Eleni unterstützt ihre Heimat von Wien aus und ist aktiver Teil der griechischen Diaspora. Sie organisiert Stammtische in Wien und scheut keine Diskussionen mit Österreichern. „Ich halte es sonst nicht aus. Man sitzt im Ausland, in einem Land, in dem keiner ein Bild hat, wie es uns in Griechenland geht und was deine Freunde erleben. Ich will ein wenig Aufklärungsarbeit leisten.“

Eleni blättert von Zeit zu Zeit in den Stellenangeboten in Griechenland. Um vielleicht doch zurückzuziehen, „aber ich weiß, dass es nicht geht. Ich würde definitiv arbeitslos sein und meinen Eltern am Hals hängen. Das will ich ihnen nicht antun.“ Aber dieses Leben in der Warteschleife sei frustrierend. Weil man nicht weiß, wie es weitergeht. „Ich habe für mich im Prinzip keinen Plan.“

Dass George auf der Fähre stand, ist fast drei Jahre her. Seinen Renault hat er mittlerweile verkauft. Er schreibt an seinem Roman, in dem er von der Einsamkeit als Auswanderer erzählt. Außerdem bloggt er regelmäßig über seine Erfahrungen. „Damit die Daheimgebliebenen verstehen, was mit uns Jungen passiert.“

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