„Man muss nicht in jedes Hamsterrad springen“

Der deutsche Soziologe Heinz Bude sprach beim NZZ.at-Clubabend mit Konrad Paul Liessmann über die „Gesellschaft der Angst“ und darüber, welche Rolle Bildung dabei spielt. Ich habe mit ihm vorab über Hamsterräder, Bildungsbesessenheit, Depression und die „The Winner takes it all“-Mentalität gesprochen. 

Erschienen am 25.06.2015 auf NZZ.at. Foto: Nina/flickr.

Heinz Bude ist einer der wirkungsmächtigsten Soziologen Deutschlands. Seit 2000 hat er an der Universität Kassel einen Lehrstuhl für Makrosoziologie. Seine Schwerpunkte liegen in der Generationen- und Arbeitsmarktforschung. In seinem neuesten Essay „Gesellschaft der Angst“ schreibt er über einen allgemeinen gesellschaftlichen Aggregatzustand. Er fasst darin das allgemeine gesellschaftliche Unwohlsein, das Gefühl ständig auf schwankendem Boden zu stehen, zusammen.

In Österreich beginnen in knapp einer Woche die Sommerferien, und für viele Maturanten geht ein neuer Lebensabschnitt los. Welchen Rat würden Sie ihnen mitgeben?

Mein Rat wäre: Ruhe bewahren und sich Zeit lassen. Es gibt sehr viele Bildungsangebote, in die sich die jungen Menschen gedankenlos stürzen, ohne zu überlegen, was sie mit ihrem Leben eigentlich wollen. Viele wollen einen Beruf ergreifen, der gerade gefragt ist, anstatt einen zu wählen, der sie interessiert.

Das klingt alles sehr positiv.

Ich gebe zu: So einen Rat hätte ich vor fünf Jahren nicht gegeben. Aber mittlerweile hat sich die Verhandlungsposition der jüngeren Generation verändert. Sie fahren die demografische Rendite ein, da die Babyboomer nach und nach aus dem Arbeitsmarkt verschwinden.

Nun gut, aber die Message an die Jungen ist eine andere. Das derzeitige Mantra der Eltern an ihren Nachwuchs lautet: Mach brav deine Hausübung, schreib gute Noten, vermeide in deinen Zwanzigern Tageslicht, absolviere stattdessen Praktika, und schließe schnellstens dein Studium ab.

Ich habe Verständnis für die Eltern. Sie haben Angst und sind verunsichert. Sie wissen nämlich nicht, was sie ihren Kindern mit auf den Weg geben sollen, damit sie in den nächsten 30 bis 40 Jahren bestehen. Deswegen treiben sie die Jungen in die Bildung hinein und wollen, dass ihre Kinder Bildungszertifikate ansammeln.

Warum ist die Eltern- und Großeltern-Generation vom Bildungsgedanken besessen?

Die Großeltern und Eltern kommen aus der Idee, aus dem gesellschaftlichen Versprechen, dass jeder, der sich bildet und bemüht, den erwünschten Platz in der Gesellschaft finden wird. Dieses Aufstiegsversprechen hat sich für die Eltern und Großeltern auch bewahrheitet. Ihnen ist aber klar, dass es heutzutage nicht mehr gilt.

Eben. Sie schreiben, dass Leistung heutzutage keinen Erfolg garantiert. Wer macht dann das Rennen?

Gewinner sind die Ironiebegabten. Also jene, die scheinbar nichts ernst nehmen. Der Ironiebegabte ist ein Mensch, der sich gelassen gibt und jede Gelegenheit nützt. Jener, der locker und lässig ist, bei dem nichts nach Anstrengung aussieht. Nur nicht zu verkrampft sein. Die Dummen sind hingegen jene, die alles zu ernst nehmen, die sich immer zu sehr anstrengen, immer zu bemüht sind.

Das heißt, der klassische Karrierist beziehungsweise Ehrgeizige hat ausgedient?

Es ist komplexer geworden. Wer ein Karrierist ist, ist doof. Zu einer Frau oder einem Mann, die/der Karriere machen will, würde man sagen: „Ach, geh komm!“ Man findet das irgendwie peinlich. Wer sich offen zum Erfolg bekennt, sortiert sich selbst aus. Schließlich muss man ja alles ironisch sehen. Man muss Erfolg wollen, aber dabei lässig sein.

Wovor schützen wir uns mit dieser locker-lässigen Haltung?

Die Ironie ist eine Form der Enttäuschung und des Sich-selbst-nicht-Genügens. Wir haben hohe Ansprüche an unser eigenes Leben, die uns versklaven.

Leiden deshalb so viele an Depressionen?

Ja – wobei die klassische neurotische Störung zurückgeht. Der Neurotiker leidet nämlich darunter, dass er nicht aus sich heraus darf und nicht zeigen kann, was in ihm steckt. Stattdessen haben wir es mittlerweile es mit dem erschöpften Selbst zu tun. Es geht nicht mehr um das Nicht-Dürfen, sondern um das Nicht-Können. Es geht um die Angst, das eigene Leben zu verpassen.

Weiß deshalb niemand mehr, was er eigentlich will?

Sagen wir so: Der US-Soziologe David Riesman hat das den „außengeleiteten Charakter“ genannt. Man kann es auch „Radarmenschen“ nennen. Unser Verhalten reagiert auf andere und nicht auf sich selbst.

Das Ich steht vor dem Problem, aus tausenden von Spiegelungen in anderen ein Bild für sich selbst zu gewinnen. Wir fühlen uns ständig bedroht.

Wir steuern unser Leben vor den Erwartungen und den Erwartungserwartungen der anderen her.

Wir haben auch Angst, weil mittlerweile jeder Lebensbereich aufkündbar ist. Beziehungen, Ehen, Jobs. Nichts scheint für immer und stabil zu sein. Andererseits: Ist das nicht die Freiheit, die wir immer wollten und nach der wir seit der Aufklärung gestrebt haben?

Ja und nein. Je nachdem, wie man es sieht. Einerseits ja, wenn wir uns auf den Philosophen Immanuel Kant beziehen, also auf den Ausgang aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit. Also so frei sein, um sich seine Gesetzte selbst zu geben. Wir alle wollen autonom sein.

Aber es gibt auch Søren Kierkegaard, der sagt, die Freiheit ist heute in Wirklichkeit die Möglichkeit der Möglichkeit. Die Freiheit ist ein reiner Möglichkeitsmodus. Die Entdeckung, dass man nur reine Möglichkeit ist – und vieles nicht ausschöpft – ängstigt.

Wer ist in diesem Spiel Verlierer?

Hier stehen wir vor dem eigentlichen Problem: Das „The Winner takes it all“-Bewusstsein. Der Gewinner bekommt alles – die anderen müssen schauen, wo sie bleiben. Sie erhalten den Rest. Nur der erste Platz zählt, dabei vergisst man, dass sich auch die Leute auf den hinteren Plätzen, auf dem 4., 5. oder 12., erfolgreich beteiligt haben. Wenn jemand nicht im Rampenlicht steht, sondern auf seine zweite Chance wartet, macht ihm das zu schaffen. So, als hätte er versagt.

Ist diese Angst, über die Sie schreiben, mittlerweile der einzige oder wichtigste Klebstoff unserer modernen Gesellschaft?

Ich bin in der Tat der Auffassung, dass Angst das Bindemittel ist. Es gilt nicht mehr das gesellschaftliche Versprechen, dass du, wenn du mitmachst, auch belohnt wirst für deine Leistung. Im Gegenteil, es gilt die Drohung: Wenn du dich nicht kompetent genug verhältst, dann wirst du zu denen gehören, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.

Reden wir eigentlich rein von Mittelschichtsängsten?

Nein, es ist komplizierter. Ich will hier nicht den Selbsthass der Mittelklasse schüren oder Bashing betreiben. Es geht darum, dass wir erkennen, dass wir mit unseren Ängsten nicht alleine dastehen. Erst dann wird einem klar, dass man nicht in jedes Hamsterrad einsteigen muss. Die Angst kann man nicht abschaffen. Aber ich muss nicht jedes Spiel gewinnen und nicht jeden Wettkampf mitmachen. Das möchte ich den Leuten mitgeben.

Was war der Ausgangspunkt Ihrer Beobachtung zur „Gesellschaft der Angst”?

Der Blick auf Deutschland. Ich sah, dass es uns beängstigend gut geht, und ich fragte mich, warum wir dennoch in ständiger Panik leben. Wir befinden uns in Deutschland wie Österreich in einer Situation, die wir uns vor 20 Jahren noch nicht erträumt haben. Damals sahen wir in eine dunkle Zukunft, wir wussten als Gesellschaft nicht, wie es weitergeht. Aber es ging uns kontinuierlich besser. Heute stehen wir überraschend gut da. Damit können wir nicht umgehen: mit unserem eigenen Erfolg. Der verunsichert uns. Wir denken uns, dass es so nicht weitergehen kann.

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