Reportage: Anti-Aging im Rathaus

Hörsaal gegen Rathaus: Wie sich Haag entwickelt, hat seit kurzer Zeit Lukas Michlmayr in der Hand. Der 27-jährige Bürgermeister will den 5.500-Einwohner-Ort einer Verjüngungskur unterziehen. Warum tut sich der Junge das an?

Erschienen am 06.03.2015 auf NZZ.at. Illustration: Lilly Panholzer.

Ehe man sichs versieht, ist man alt geworden, Schnee von gestern. So wie Lukas Michlmayr. Der 27-Jährige ist nicht mehr Nummer eins. Der drei Jahre jüngere Markus Baier aus Zellerndorf hat ihn vom Stockerl gestoßen. Seit dieser Woche ist der Niederösterreicher jüngster Bürgermeister Österreichs, nicht mehr Michlmayr.

Aber selbst 27 ist noch immer sehr, sehr jung. Vor allem, wenn man die Provinz beleben will. 

„Bub, warum tust du dir das an?“

Michlmayr trägt ausgewaschene Jeans, ein glattgebügeltes weißes Hemd, Dreitagebart und steht neben der alten grauen Wehrkirche in Haag im Mostviertel, ein paar Bahnhöfe von Amstetten entfernt. Haag, 5.500 Einwohner. In der Dorfmitte gruppieren sich Rathaus, Kirche, kleine Geschäfte und das Beisl „Schillers“, am Ortsrand spielen Fußballer auf dem Rasen; daneben ist ein Friedhof. Die ÖVP hält hier die Absolute. Alles in allem ein idyllisches Bild – so, wie es sich für einen niederösterreichischen Ort gehört.

Selbstfindungstrip rund um den Globus, sich selbst verwirklichen, ausgelassen Partys feiern, einfach in den Tag hineinleben – so ein Leben wird doch der jungen Generation immer nachgesagt. „Bub, warum tust du dir Politik an?“, hat ihn selbst seine Mutter einmal gefragt. Weil er sich für Haag verantwortlich fühlt, hat er geantwortet. „Ich gehe hier nicht weg. Die Haager zählen auf mich.“ Ende Februar ist er zum Bürgermeister angelobt worden.

Was der Junge kann, ist Wahlkampf. 679 Wähler kreuzten auf einem Stimmzettel Michlmayrs Namen an, nur halb so viele (314) den Herausforderer, der aber witzigerweise doppelt so alt ist wie „Luki“, so nennen sie ihn hier.

„Jung denken. G’scheit entscheiden.“ war sein Slogan für die niederösterreichische Gemeinderatswahl. Den will er umsetzen und junge Politik auf das alternde Land bringen. Der studierte Wirtschaftspädagoge („Mir fehlen noch ein paar Seiten Diplomarbeit“) hat einen Job übernommen, den hauptsächlich um die 50- bis 60-Jährigen machen. Warum tut sich das ein junger Mensch an?

Das Land, das ist das Altersheim Österreichs. Die Jungen ziehen in die Städte, um sich dort in den Schulen und Universitäten auszubilden. Sie ziehen hin, weil es dort spannende Jobs gibt, die Welt glitzert. Sie wollen so leben wie die Protagonisten ihrer Filme und Fernsehserien, in WGs, so wie in „How I Met Your Mother“, „Big Bang Theory“ oder „Girls“. Serien über junge hübsche Menschen, die sich in Großstädten selbst verwirklichen. Sie fehlen dafür in den ländlichen Gebieten, die aushungern, veröden.

Doch wer möchte schon dort leben, wo die Infrastruktur aus einer kargen Bushaltestelle besteht? Wo man nur Zigaretten kaufen kann? So wie etwa im Waldviertel, im Mühlviertel, im Südburgenland oder in der Obersteiermark. Zwei Drittel aller Kommunen im Land leiden unter Abwanderung, sagt Gerlind Weber, Professorin für Raumplanung an der Universität für Bodenkultur in Wien.

Das Aussterben nennt sie „die Tragik des ländlichen Raums“. Die Abwanderungen der Landbewohner entleeren außerdem die Gemeindekassen. Und damit fehlt die notwendige Finanzierung für lebendige Kommunen und intakte Infrastruktur. Ein Teufelskreis.

Währenddessen platzen Städte und wuchern die Speckgürtel. Zwei Millionen Wiener wird es laut einer Prognose der Stadt Wien bis 2029 geben. Das sind es rund 1,8 Millionen.

Und es wird krasser: Im Jahr 2050 werden laut einer UN-Studie zwei von drei Menschen weltweit in Städten leben. 100 Jahre zuvor, 1950, waren es nur 30 Prozent.

Einen sehr guten Überblick über die Urbanisierung der Welt bietet The Economist.

Man kann die Leute nicht festnageln, sagt Gerlind Weber. „Ist doch gut, wenn jeder dort wohnt, wo er wohnen möchte.“ Dass sich aber so viele Menschen vom Land entfernen, hat neben vielen anderen Gründen stark mit dem Faktor Bildung zu tun. Der ziehen sie nach.

Michlmayer betritt die Aula des glasverbauten Neubaus der Höheren Lehranstalt für Wirtschaft (HLW), nahe dem Stadtzentrum. Es hat gerade zur großen Pause geklingelt. Vor ein paar Wochen war Luki noch gemeinsam mit Integrationsminister Sebastian Kurz hier, um die Werbetrommel für die Gemeinderatswahl zu rühren.

Der Schulsprecher, 17, groß gewachsen, gegelte, dunkelbraune Haare, Röhrenjeans, schüttelt Michlmayrs Hand: „Super. Gratuliere, Herr Bürgermeister.“

Michlmayr schlendert weiter, seinen jungen Wählern entgegen. Die 14- bis 18-Jährigen grüßen, lächeln ihn an, winken schüchtern. „Es ist wichtig, dass einem die Jungen vertrauen“, sagt er. Dann würden sie auch bleiben.

Rund 300 Schüler hat die HLW, Tendenz sinkend. Die geburtenschwachen Jahrgänge der 1990er Jahre passieren gerade das heimische Schulsystem. In den vergangenen 60 Jahren ist die Zahl der Schulen in Niederösterreich wie fast überall um rund ein Drittel zurückgegangen. Waren es im Jahr 1950 noch rund 1.890 Schulen, so sind es derzeit laut Statistik Austria nur mehr knapp 1.270. Volksschulen gibt es gar nur mehr 627 in ganz Niederösterreich, 1960 waren es 1.300.

 „Schulen sind ein Garant dafür, dass Menschen auf dem Land bleiben“, sagt Weber von der Boku. „Sobald die Jungen merken, dass sie für Bildung den Ort verlassen müssen, werden urbane Räume attraktiv“, erzählt sie.

Wenn jemand geht, dann zwischen 15 und 30. „Bevor oder wenn die großen Lebensentscheidungen wie Job, Familiengründung und Wohnform getroffen werden müssen“, sagt Daniel Kosak, Pressesprecher des Gemeindebundes. Sobald die jungen Leute zur Ausbildung die Gemeinden verlassen, beginnt also die Entfremdung. Diese Entfremdung betrifft vordergründig Frauen. Über 90 Prozent der Schüler der HLW sind Mädchen. Viele von ihnen werden nach der Matura Haag verlassen. Doppelt so viele Frauen wie Männer zwischen 20 und 29 Jahren ziehen laut Gerlind Weber ihren Heimatgemeinden davon. Und mit ihnen geht der Nachwuchs.

Frauen nehmen den Nachwuchs mit

Frauen folgen ihren Partnern, sind bildungsaffiner und finden am Land schwieriger Jobs, zählt Weber auf. Auch Vereine und Ehrenamt helfen da nichts. Frauen sind seltener bei der Feuerwehr, beim Alpenverein oder im Tennisclub. Sie treffen sich nicht an Wochenenden in Vereinslokalen. Vereine sind das Auffangbecken für die Menschen in der Provinz, sie verhindern die Vereinsamung, stärken das Wir-Gefühl. Um die Jungen aufzufangen, erklärt er stolz, haben sie eine eigene Jugendblaskapelle, die im Ort einen großen Stellenwert habe. „Diesen Luxus muss man sich auch mal leisten“, sagt er.

Warum er bleibt. Michlmayer war wie viele andere hier lange Zeit Pendler. Für die meisten Haager ist der Waggon oder das Auto ihr zweites Wohnzimmer. Mehr als 1.600 Haager pendeln täglich in die umliegenden Städte Linz oder Amstetten, sie verdienen ihr Geld in der Industrie, so wie etwa sein Vater im BMW-Werk in Steyr, Oberösterreich.

Lukas hat unter der Woche im Studentenheim gestrebert, am Wochenende ist er für das Rote Kreuz unterwegs gewesen, ab 2009 war er als Kulturstadtrat und niederösterreichischer JVP-Obmann ständig auf Achse. Er hat seine Verbindung zur Heimat nie losgelassen, auch wenn er zwischendurch die Welt sehen wollte, „um über den Tellerrand zu schauen“, wie er sagt. Ein paar Monate hat es ihn nach England und Südafrika verschlagen.

Trotzdem hat es ihn zurück in seine Heimat gezogen. Nicht aus Trotz oder Angst vor der Welt oder aus Kleinkariertheit, wie es Städter den Provinzlern gerne nachsagen, sondern weil er hier am besten wisse, wer er sei. „In der Stadt konsumiert man, hier hat man Raum, um authentisch zu leben“, sagt Michlmayr, als wäre er systemkritischer Soziologe und nicht konservativer Politiker aus Niederösterreich. Aber gerade diese Art macht ihn in seiner Gemeinde beliebt.

Eine Autobahn reicht nicht. Die Autobahnabfahrt scheint oft des Problems Lösung, wenn die Leute das Land verlassen. „Man glaubt immer, man muss eine Autobahnabfahrt bauen und schon boomt die Region“, sagt Weber. Dem Gedanken widerspricht sie. Stattdessen: Das Land urban machen, den Menschen vielfältige Möglichkeiten geben, sich auszudrücken. „Die Jungen brauchen Kultur, man will sich ausdrücken, gestalten, erleben“, sagt Weber. Nur dann könne sich eine Region beleben. „Man muss das Gefühl haben, es tut sich was.“

Was man dazu braucht? Gelungene Kommunalpolitik. Ob der Junge das macht? Er will. Michlmayr hat keine Lust darauf, als Haags Masseverwalter zu enden. Er möchte die Kleinstadt weiterentwickeln. Stolz, mit erhobenem Zeigefinger erzählt er: „Wir haben heuer erstmals mehr Neugeborene als Sterbende in Haag. Das ist doch ein gutes Zeichen.“ Er möchte den Wohnbau fördern und Junge dazu ermutigen, Unternehmen zu gründen.

Seniorenheim statt Kindergarten

Das war nicht immer so. Michlmayrs Vorgänger hat aus der Not eine Tugend gemacht und das schrumpfende Haag in ein Seniorenzentrum verwandelt. Dort, wo früher Eltern ihre Sprösslinge hingebracht haben, bringen jetzt Kinder ihre Eltern hin. Es ist fast schon ironisch, dass der ehemalige Kindergarten Haags zum Seniorenzentrum umgebaut wurde. Knapp einen Kilometer ist er vom Hauptplatz entfernt. Gelbe Fassaden, helle Gänge, in denen junge und alte Menschen herumwuseln. Der heimliche Ortskern. Die Stadt wächst durch Zuzug von Alten aus der Region. 2003 hat das Zentrum mit rund 30 betreuten Wohnungen begonnen, jetzt sind es 130. Betreutes Wohnen, Tagesheim, mobile Pflege. Hinzu kommt eine Altenpflegeschule und zu Mittag essen die Volksschulkinder mit den Omas und Opas der Kleinstadt.

Wenn Lukas durch die Gänge streift, strahlen ihn die Leute an. Sie kennen ihn seit seiner Kindheit. Seine Mutter arbeitet hier. Sie bemuttern/bevatern ihn. Und er genießt es.

Keine Blumen. Ein graumelierter Herr im Rollator sitzt in einem Aufenthaltsraum, umzingelt von mehreren älteren Damen: „Na, Luki, da kommt was auf dich zu! Gratuliere zur Wahl.“ Händeschütteln.

Eine weißhaarige Frau mit Perlen-Ohrringen, Luki macht ihr die Tür auf: „Herr Bürgermeister, schön, Sie zu sehen! Wir haben diesmal keine Narzissen zum Valentinstag bekommen.“ Michlmayr: „Wirklich? Ich frage einmal nach.“

Er sagt, das Wichtigste als Bürgermeister sei es, den Leuten zuzuhören. Geht nicht gibt’s nicht – das Motto des 27-Jährigen. „Und wenn wirklich etwas nicht geht, dann muss man einfach mit den Leuten reden. Sie müssen merken, dass sie eingebunden sind.“

Michlmayr ist durch und durch Pragmatiker. Mit ihm wächst eine neue Generation Politiker heran. Ideologische Unterschiede werden scheinbar nicht mehr mit Kampfbegriffen unterlegt, so wie es noch bei den Alten der Fall ist. In Verhandlungen geht es darum, mit Argumenten zu überzeugen, sagt Michlmayr. „Mir geht es viel um Vernunft und darum, sich etwas zu trauen“, sagt Michlmayr. Er steht am Anfang, und ob sich diese Denkweise in einem Gemeinderat mit 29 Sitzen durchsetzen kann, muss sich zeigen. Es zeigt sich wahrscheinlich schon bei seinem ersten Projekt: Zwischen Hauptschule und Seniorenzentrum möchte er einen Generationenweg bauen, wo Junge spielen und Alte sich ausruhen können.

Und jetzt, wo er den Altbürgermeister abgelöst hat, darf er sich an seinen Schreibtisch am Haager Hauptplatz setzen. Das Rathaus war früher eine Bank und wurde aufwendig umgestaltet. In der Aula ist ein Meter hoher Baum gemalt. Das Standesamt ist mit roten Ledersesseln ausgestattet, im engen Sitzungssaal daneben hängen eingerahmt die Bilder von Michlmayrs Vorgängern. Alte ehrenwerte Herren. Geheimratsecken. Anzug und Krawatte. So wie es sich für einen Bürgermeister gehört. Irgendwann wird auch das Foto von Lukas Michlmayr dort hängen. Wie das wohl wirken wird, wenn so ein Jungspund dort den Platz einnimmt? „Ich bin mir nicht sicher“, antwortet Michlmayr nach längerem Zögern. Wahrscheinlich werde auch ein Bild mit einem gealterten Lukas Michlmayr dort hängen. „Ich bleibe noch.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s