Kommentar: Die Alt-68er und das schöne, wahre, gute Leben

Der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier hat ein neues Buch geschrieben: „Verleitung zur Unruhe – zur Hölle mit den Optimisten“. 

Erschienen am 13.03.2015 auf NZZ.at. Illustration: Lilly Panholzer.

Alte Menschen reden gerne über jenen Zustand, den sie nie wieder erreichen werden: die Jugend. Alte Menschen wissen, wie es sich anfühlt, jung zu sein. Alte Menschen wissen aber auch, wie es sich anfühlt, zum alten Eisen zu gehören – wenn Hits zu Oldies werden.

Deswegen trösten sich alte Menschen damit zu bestimmen, wie über junge Menschen geredet werden soll.

Einer von den Alten ist Bernhard Heinzlmaier. Er ist knapp 55 und seit zwei Jahrzehnten Jugendforscher. Er arbeitet für das Jugendkulturinstitut in Wien und leitet das Marktforschungsunternehmen tfactory in Hamburg. Gerade hat er ein neues Buch im Ecowin-Verlag veröffentlicht. „Verleitung zur Unruhe – zur Hölle mit dem Optimisten“ heißt es. Darin geht es um die scheußliche Jetztzeit.

Heinzlmaier gibt in seinem „emanzipatorischen“ Werk seine höchstpersönlichen Revoluzzer-Lebenstipps weiter, um die gegenwärtige Welt zu überstehen. Kostprobe: „Bestelle beim Online-Versand und schicke alles wieder zurück: So rettest du dem kleinen freundlichen Einzelhändler die Existenz.“

Außerdem schimpft der Jugendforscher darin über das Internet und seine technisch zombifizierten, sozial gestörten Bewohner. Einer ganzen Generation stummer Beobachter sei der Rebellionsgeist abhanden gekommen, schreibt er. Schon der kleinste Fratz habe im Kindergarten gelernt, dass er sich besser anpassen sollte. Daraus resultiere:

Wir haben schon genug egozentrische, sozial inkompetente, karrieresüchtige Narren produziert, die uns leider ununterbrochen auf Bahnhöfen und Flughäfen, in Hotels und Restaurants, in Geschäften, Kinos und Fitnessclubs über den Weg laufen.

Alt-68er-Bullshit-Bingo: Konzerne, Kapitalismus, Konsumgesellschaft

Es liegt in der Natur der alten Menschen, sich über die jungen Menschen und die wandelnde Welt zu ärgern. Heinzlmaier gehört zu der Sorte selbsternannte Alt-68er Obwohl er in der Zeit, in der scheinbar alle „Ho, Ho, Ho Chi Minh“-rufend durch die Straßen gezogen sind, selbst noch ein wenig zu jung war. Zu der Zeit war der 1960 Geborene selbst noch ein Hosenscheißer. Wahrscheinlich der Grund für seinen verträumten Vergangenheitsblick. Kostprobe:

Dass unsere Lesekultur verfällt, bestätigt ein Blick auf die Bestsellerlisten des Buchhandels. Befanden sich im Jahr 1970 unter den Top-Ten der am meist verkauften (sic!) Belletristik Autoren wie Solchenizyn, Sagan, Updike und Handke, so sucht man heute gute Literatur immer öfter vergeblich. So dominieren 2013 US-Importe wie ,Shades of Gray‘ (sic!) von E.L. James, ,Inferno‘ von Dan Brown oder anspruchslose Frauenliteratur wie Jojo Moyes ,Ein ganzes halbes Jahr‘ im Bücherjahr.

Auch wenn er in der Vergangenheit schwelgt – die meisten seiner damaligen Genossen haben wahrscheinlich nicht Solchenizyn, Sagan, Updike und Handke gelesen, sonst würde die Welt nicht so aussehen, wie sie heute aussieht. Die damals Jungen sitzen in Ministerien, Universitäten, Verlagen und in den verpönten Konzernen.

Anstelle der Protestsongs der 1960er und 70er Jahre ist heute eine Helene-Fischer-Harmonie- und Wohlfühl-Kultur getreten, die weit bis in die popkulturelle Avantgarde hineinreicht.

Zynisch, ironisch, pessimistisch

In „Verleitung zur Unruhe“ beschreibt er sich selbst als Pessimisten und möchte in rund 33 Kapiteln dazu animieren, „die optimistische Charaktermaske vom Gesicht“ zu reißen und es zu wagen, so zu sein, „wie es den gesellschaftlichen Verhältnissen entspricht: kritisch, zynisch, ironisch und wenn notwendig auch pessimistisch.“

Das ist eine super Strategie, mit der man immer „safe“ ist, wie man heute so sagt. Denn es ist ein Leichtes, ironisch, zynisch oder pessimistisch zu sein, sich immer schwarzmalerisch oder witzelnd herumzuwinden. Dieser ironischen, pessimistischen Haltung liegt die Weigerung der Alt-68er zugrunde, sich auf die trügerische neue Welt einzulassen. Die Ratlosigkeit angesichts realer, gegenwärtiger Probleme versteckt der Ironiker, Zyniker oder Pessimist hinter der bewährten Geste der Überlegenheit.

Auch Heinzlmaier fällt es schwer, die derzeitigen Gegebenheiten anzuerkennen. Er bezeichnet Künstler generell etwa als „talentfreie Christina-Stürmer-Klone“ oder Oliver Pocher als „Vulgärkomiker“.

Er betont immer wieder seine Skepsis dem digitalen Wandel gegenüber. So nennt er Twitter generell ein Übel, ein „perverses Instrument der Transparenzgesellschaft“. Er rät, wie ein Zen-Meister in seinen zehn Lebensregeln:

Schalte dein Smartphone aus, wann immer du kannst. Halte dich aus dem Internet heraus, so gut es geht. Lösche deinen Facebook- und Twitter-Account, versuche das Wesentliche vom Informationsmüll zu trennen.

Stattdessen solle man sich, schreibt Heinzlmaier, vom täglichen Meinungstreiben und der Politik abwenden und sich abschotten, Kant und Nietzsche lesen und dazu Symphonien von Mahler hören. Und man solle mit einfachen Menschen, den Arbeitern reden, weil diese noch ein richtiges Verständnis von der Welt hätten. Er romantisiert, idyllisiert und idealisiert sie, und entmündigt gleichzeitig unbarmherzig die „Unterschicht“:

Selbst als Pessimist will ich nicht glauben, dass eine Majorität diesen Schrott (Anmerkung: Fernsehprogramm) super findet und tröste mich mit dem Glauben daran, dass dieser pöbelhafte Klamauk nur von der Unterschicht gesehen wird, die aber nichts für ihren schlechten Geschmack kann, weil ihr niemand den Zugang zu besseren Alternativen vermittelt hat.

Heinzlmaier ist Kulturpessimist, wahrscheinlich hat er zu viel Nietzsche gelesen. Sein Buch strotzt vor Überheblichkeit. Für ihn ist die Krone der Schöpfung die Geisteswissenschaft, ihm graust vor der Volksverblödung. Er fürchtet sich vorm Rest, vor der Masse, die ihm zuwider ist. Sibylle Berg, eine Schweizer Autorin, schrieb einmal in ihrer Spiegel-Online-Kolumne, dass Kulturpessimismus keine Antwort auf die Veränderung der Welt sei, sondern das Jammern Sterbender. Das ist womöglich übertrieben. Was dieser Heinzlmaier’sche Kulturpessimismus aber auf alle Fälle ist: eine Jammertirade, ein Möchtegern-Revolutionsversuch. Es ist das Spätwerk eines in die Jahre gekommenen Spießers.

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