„Das Zeitalter der Individualisierung ist am Ende“

Viele Haushalte haben ein materielles Niveau erreicht, das man als belastend bezeichnen kann, sagt Hans Holzinger. Der Nachhaltigkeitsforscher spricht im Interview über Wohlstands-Chauvinismus und warum es in unserer Gesellschaft keine Wutbürger braucht.

Erschienen am 24.04.2014 in der Wochenzeitung Die FURCHE.

Hans Holzinger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in Salzburg und Lektor an der Universität Klagenfurt. Er schrieb des Buches „Neuer Wohlstand. Leben und Wirtschaften auf einem begrenzten Planeten“ und bloggt unter http://neuerwohlstand.wordpress.com.

Die Furche: Herr Holzinger, was haben Sie sich in letzter Zeit gegönnt?

Hans Holzinger: Ich gönnte mir ein Frühstück mit meiner Frau und Zeit in meinem Garten zu verbringen. Zeit ist Luxus für mich.

Die Furche: Ist Zeit der neue Wohlstand?

Holzinger: Stress ist zur Signatur unserer Zeit geworden, das erschöpfte Selbst wird zum neuen Krankheitsbild. Wir häufen immer mehr Güter an, unsere Zufriedenheit steigt trotzdem nicht.

Die Furche: Verzicht wird in unserer Gesellschaft mit Verlust an Lebensqualität assoziiert. Wie kann Verminderung Luxus sein?

Holzinger: Derzeit verzichten wir schon auf sehr viel. Auf freie Zeit oder auf frische Luft, weil wir die Stadt mit Autos zustopfen. Auch das Anhäufen von Gütern wird zur Belastung, schließlich muss alles genutzt und gepflegt werden.

Die Furche: Aber kann nicht nur jemand verzichten, der ohnehin alles hat?

Holzinger: Es wäre zynisch zu sagen, dass Menschen in materieller Knappheit auf noch mehr verzichten sollten. Aber viele Haushalte haben ein materielles Niveau erreicht, das ich als belastend bezeichnen würde.

Die Furche: Aber ist Verzicht nicht auch ein Angriff auf individuelle Freiheit?

Holzinger: Nur bedingt. Wir leben in einer Krise der Ansprüche und der fairen Verteilung. Wir wollen unser Klima retten und mehrmals im Jahr mit dem Flugzeug verreisen. Wir haben Angst, dass uns etwas weggenommen wird, während andere fast nichts haben. Das ist Wohlstands-Chauvinismus.

Die Furche: Ja, aber bis vor ein paar Jahren dachten wir, dass unsere Wirtschaft ewig weiterwächst. Dann kam die Finanzkrise.

Holzinger: Die Ursache der Finanzkrise lag darin, dass einfach zu viel mit Geld spekuliert wurde und nach wie vor wird. Jede Volkswirtschaft hört irgendwann auf zu wachsen, wenn genügend Güter vorhanden sind. Gewisse Bereiche sollen in Zukunft schrumpfen, etwa der Finanzsektor oder die Automobilität, andere wie Erneuerbare Energie, leistbarer Wohnraum oder Bildung sollen wachsen.

Die Furche: Sie formulierten acht Dimensionen des neuen Wohlstands, etwa Güter- und Ernährungswohlstand. Warum spielt Nachhaltigkeit in jeder Ihrer Thesen eine so wichtige Rolle?

Holzinger: Ganz einfach, weil unsere Ressourcen begrenzt und weil sie äußerst ungerecht verteilt sind. Zudem geht es um die kulturelle Dimension – Was tut uns gut? Wir müssen unser Denken ändern.

Die Furche: Aber Nachhaltigkeit hat ihren Preis. Fair produzierte Produkte sind oft teurer und für die breite Masse damit nicht zugänglich.

Holzinger: Es geht zum einen um die Frage, wie ich meinen Lebensstil gestalte. Doch es reicht nicht, die Bürger und Bürgerinnen aufzurufen, etwa Bioprodukte zu kaufen. Wir brauchen neue Normen, die von der Politik festgelegt werden müssen. Ökologisch schädliche Produkte sollten beispielsweise teurer sein als nachhaltige – nicht umgekehrt wie jetzt. Die Situation ist widersprüchlich: Einerseits sollen wir nachhaltig leben, andererseits werden in den Wirtschaftsseiten der Medien Wachstumsziele propagiert und auf den Sportseiten Formel 1-Rennen bejubelt.

Die Furche: Zur Politik: Sie sprechen auch vom Demokratiewohlstand, in dem alle Menschen mitdenken und mitgestalten sollen. Brauchen wir mehr Eigeninitiative?

Holzinger: Engagement bereichert das Leben. Die „Fun“-gesellschaft fordert zur Zerstreuung auf, obwohl Konzentration angesagt ist. Wir müssen das Politische wieder aufwerten. „Die da oben“ sind nicht alles Idioten. Wir brauchen keine Wutbürger, sondern Mitgestaltungsbürger.

Die Furche: Wie verleitet man die Menschen zum mitmachen?

Holzinger: Dazu braucht es Pioniere und Vorbilder. Biobauern waren vor ein paar Jahrzehnten noch Spinner, jetzt sind sie nicht mehr wegzudenken. Es gibt viele Menschen mit guten Ideen. Die Politik muss sie unterstützen.

Die Furche: Wie sollen wir zukünftig mit dem Thema Arbeit umgehen?

Holzinger: Arbeit ist ein entscheidendes Scharnier für einen sinnvollen Wandel. Derzeit arbeiten und konsumieren wir zuviel. Ich plädiere für eine Drei-Zeit-Gesellschaft statt der Freizeitgesellschaft. Ein Drittel Erwerbsarbeit, ein Drittel Familien- und Hausarbeit und eines für Muße und Engagement. Ich merke, dass bei den Jungen schon ein Wandel einsetzt. Sie wissen, dass Arbeit nicht alles ist.

Die Furche: Der jüngeren Generation ist möglicherweise auch schon bewusst, dass es ihr nicht mehr so gut gehen wird wie ider Elterngeneration. Doch wie holt man die Älteren aus ihrer Komfortzone?

Holzinger: Es gibt mittlerweile viele tolle Initiativen, wie etwa autofreie Wohnanlagen oder Gemeinschaftsgärten. Außerdem hat das Zeitalter der Individualisierung seinen Zenit überschritten. Wir sind eigentlich Gemeinschaftswesen und können der Vereinsamungsideologie aus Knappheitsdenken, Beschleunigung und Konsum entrinnen. Und wieder merken, was uns selbst gut tut.

Die Furche: Aber früher dachten wir ja auch, dass uns Konsum gut tut. Wie spüren wir uns wieder?

Holzinger: Indem wir uns die Gegenerfahrung ermöglichen, in die Natur gehen, über unsere Gefühle sprechen. Es gibt Angebote abseits von Konsum, die uns helfen, uns selbst mehr zu spüren.

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