Frau Gantner geht

Die Volksschule ist das Fundament, auf dem die gesamte weitere Bildung aufbaut. Doch es ist brüchig: Jeder vierte Viertklässler kann kaum rechnen, jeder fünfte nicht ordentlich lesen. Und niemand spricht darüber. Deshalb hat Frau Gantner jetzt genug.

Erschienen am 7.03.2014 im Monatsmagazin DATUM. Co-Autor: Thomas Trescher.

Eine Schulglocke gibt es schon seit Ewigkeiten nicht. Aber das ist Claudia Gantner eigentlich ganz recht. Sie schlägt mit einem Holzklöppel auf eine Klangschale, ein sanfter Gong übertönt den Lärm der spielenden Kinder. Ein Bub legt sein Lego-Auto zur Seite, das er gerade noch brummend durch die Klasse gesteuert hat, und setzt sich wie seine 15 Mitschüler auf seinen Holzsessel. Langsam kehrt Ruhe ein, der Unterricht ist eröffnet. Wann der Gong wieder ertönen wird, hängt von den Schülern ab, denn ihre Lehrerin hat sich verabschiedet vom streng strukturierten Unterricht in 50-Minuten-Einheiten. Sachunterricht und Werken stehen heute auf dem Programm, »Können wir auch Mathematik machen?«, fragt ein Schüler zwischendrin. Claudia Gantner unterrichtet ihre zehn Buben und sechs Mädchen in deren eigenem Rhythmus – »um mich der Stimmung der Schüler anzupassen«.

Gantner hat für ihre Klasse ein Bällchenbad gekauft, es gibt Knautschsäcke und zwei Computer, am Kasten hängt ein Plastikskelett. Wer will, zieht sich in die Leseecke zurück. »Lehrer haben in der Volksschule große Freiheiten«, sagt sie. Die Geräte hat sie selbst angeschafft, gut 3.000 Euro hat Gantner in den vergangenen Jahren aus eigener Tasche pro Schuljahr in den Klassenraum investiert. »Denn es braucht mehr als Tische, Sessel und Schulbücher, um für Kinder eine geeignete Lernumgebung zu schaffen.«

Die Klasse der 48-Jährigen ist eine Ausnahme. Nicht nur in der Gemeinde Reinprechtspölla im Waldviertel, 75 Kilometer nordwestlich von Wien, sondern in weiten Teilen Österreichs. Wer das beigefarbene Gebäude betritt und sich auf die Suche nach Claudia Gantners Klasse im letzten Winkel des Schulgebäudes macht, kommt zwangsläufig an Kinderzeichnungen vorbei, die an ordentliches Betragen appellieren: »Wir sind im Unterricht leise!«, »Fleißig sein!«, »Nicht herausrufen!«, »Klasse sauber halten!« Gantner spürt die schiefen Blicke am Schulgang, weil sie versucht, es anders zu machen. Weil sie sich nicht mit dem eingefahrenen System abgefunden hat. Weil sie den Staub aufwirbelt, der sich angesammelt hat, seit Maria Theresia im Jahr 1774 die Volksschulen einführte.

Österreich diskutiert über Neue Mittelschulen, Zentralmatura und Studiengebühren. Über das Lehrerdienstrecht, die Blockierer in der Gewerkschaft und Nachmittagsbetreuung. Aber nicht über jene Schule, mit der alle Kinder, arm oder reich, Österreicher oder Ausländer, hochbegabt oder mit Förderbedarf, in das Bildungssystem einsteigen. Jene Gesamtschule, über die niemand spricht, die aber den gesamten Bildungsweg entscheidet.

Wer in der Volksschule versagt, wer hier nicht das nötige Rüstzeug mitbekommt, landet auf dem pädagogischen Abstellgleis und später wahrscheinlich auf dem beruflichen. Die staatlichen Volksschulen sind das unbeachtete Problem unseres Bildungssystems.

Dass laut PISA-Studie 20 Prozent der Pflichtschulabsolventen nicht ordentlich lesen und schreiben können, zeigt vor allem, dass schon die Volksschulen versagen. Und es ist eigentlich noch schlimmer: Unter 14 ökonomisch wie geografisch nahe stehenden Vergleichsländern belegte Österreich bei der im Jahr 2011 durchgeführten PIRL-Studie, dem Volksschuläquivalent zu PISA, den letzten Platz, gemeinsam mit Slowenien und der Slowakei. PIRLS testet im Abstand von fünf Jahren die Lesekompetenz der Viertklässler. Und ob schwedische, ungarische oder deutsche Kinder – sie alle lesen besser als die österreichischen. Jeder fünfte heimische Volksschulabgänger verfügt laut der Studie höchstens über Basiskompetenzen beim Lesen. Und im Vergleich zum Jahr 2006 verschlechterte sich die Lesekompetenz der Viertklässler noch signifikant. Die Daten »weisen darauf hin, dass Österreich im Vergleich zu anderen Bildungssystemen Gefahr läuft zurückzufallen«, schließt der Bericht des Bundesinstituts für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des österreichischen Schulwesens (BIFIE). Auch bei der zweiten Grundkompetenz, dem Rechnen, findet sich laut der Studie »kein Vergleichsland mit signifikant schwächeren Leistungen«. Nur zwei Prozent der getesteten Schüler schaffen es in die höchste Kompetenzstufe, dafür gehören 30 Prozent der Kinder zu den »Leistungsschwachen«.

Österreichs Bildungspolitiker wirken angesichts dieser Zahlen ein wenig wie Baumeister, die über die Fassade eines renovierungsbedürftigen Hauses streiten, weil sie sich auf keine Farbe einigen können – obwohl sie genau wissen, dass das ganze Haus kurz vor dem Einsturz steht, weil das Fundament nicht mehr trägt. »Wir können uns noch verbessern, das ist mir bewusst«, sagt Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ), die nach dem Abgang von Claudia Schmied das Amt der Unterrichtsministerin übernommen hat. Sie verwaltet ein Erbe versäumter oder gescheiterter Reformen. Jetzt liegt es an ihr, diese Versäumnisse auszubügeln, kurz: die Volksschule zu reformieren. Ihre erste Aufgabe wird sein, überhaupt ein Bewusstsein dafür zu schaffen.

Irgendwie aber kommen ÖVP und SPÖ in ihrer Bildungspolitik nicht zusammen. Sie wolle »Vorhaben mit Inhalten füllen«, sagt Brigitte Jank über die Volksschule. Das aber näher auszuführen »würde jetzt zu weit führen«, sagt die ÖVP-Bildungssprecherin, nebenbei Präsidentin der Wiener Wirtschaftskammer, beendet nach acht Minuten das Telefonat und verspricht einen Rückruf, der bis Redaktionsschluss ausbleibt. Das Wahlprogramm der Volkspartei zur vergangenen Nationalratswahl hilft auch nicht weiter: »Stärkung der Volksschule: Im Zentrum der Volksschule steht die Vermittlung der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen« ist neben einer nicht näher definierten »verstärkten Zusammenarbeit von Kindergarten und Volksschule« das Einzige, was sich dort zu Volksschulen findet.

Der seit Jahren schwelende Streit über die Neue Mittelschule habe in den Regierungsparteien »den Blick auf alle anderen Baustellen verstellt«, sagt Neos-Chef und -Bildungssprecher Matthias Strolz. Das Ziel, Unterrichtsminister zu werden und mit den Neos gleich in die Regierung einzuziehen, hat er zwar nicht erreicht, er glaubt trotzdem, dass »die Chancen jetzt gut stehen, dass sich etwas verändert, weil die Volksschulen nicht so ideologiebeladen sind«. Soll heißen: Nachdem sich in den vergangenen Legislaturperioden der Regierungsstreit entlang der Linie zog, ob Gesamtschule (SPÖ) oder Gymnasium (ÖVP) obsiegen soll, könnte sich nun mit den Volksschulen ein Nebenort öffnen.

Derzeit existiere in Österreich einfach noch keine Diskussion über die Qualität von Volksschulen, sagt Barbara Hanfstingl, Schul- und Unterrichtsforscherin an der Universität Klagenfurt. Und die Ursache sei schnell erklärt: »Probleme, die mit Lernschwierigkeiten zu tun haben, sind im Volksschulalter noch nicht so sichtbar wie später in der Pubertät, wenn die Probleme nicht mehr zu übersehen sind.« Gleichwohl sind es Probleme, die später kaum wieder gutzumachen sind. Niemand lernt so schnell und leicht wie Sechs- bis Zehnjährige.

»Was der Volksschullehrer nicht schafft, schafft auch der Hochschulprofessor nicht mehr«, sagt FPÖ-Bildungssprecher Walter Rosenkranz. In der Volksschule werden die Stärken und Schwächen der Heranwachsenden zementiert. Und an dieser Volksschule »haben wir ein riesiges Motivationsproblem«, sagt der grüne Bildungssprecher Harald Walser. Die Kinder würden im Laufe der Schule ihre Neugierde verlieren. »Deshalb machen wir etwas falsch.« Sein FPÖ-Pendant Rosenkranz drückt es drastischer aus: Man lasse in den Volksschulen »die Kinder verdodeln«.

Als im Mai 2013 Viertklässler an österreichischen Volksschulen zum ersten Mal einen Test vom BIFIE vorgesetzt bekamen, erreichte fast ein Viertel das geforderte Niveau nicht (elf Prozent) oder nur teilweise (zwölf Prozent). Schulen und Lehrer haben deshalb aber keine Konsequenzen zu befürchten, auch dann nicht, wenn ihre Schüler dauerhaft versagen. »Es gibt das Angebot, dass diese Schule mit Rückmeldemoderatorinnen die Probleme durchgeht, dass eine Feedbackkultur entwickelt wird«, sagt Ministerin Heinisch-Hosek. »Das wird auch sehr gerne angenommen.«

In Zukunft sollen die BIFIE-Tests bei Volksschülern jährlich erfolgen, sich aber nicht auf die Noten auswirken, sondern nur die Leistungen der Schulen besser vergleichbar machen. Zusätzlich sollen sich Direktoren und Lehrer damit über den Status ihrer Klasse informieren können. Claudia Gantner glaubt, dass die Bildungsstandards nichts bringen werden, weil der Unterricht dadurch einförmiger wird und die Kinder auf die Prüfungen hingetrimmt werden: »Solche Tests schalten nur gleich«, sagt sie, eine Verbesserung des Systems lasse sich dadurch nicht erreichen. »Man sollte stattdessen lieber einen halben Tag lang im Unterricht sitzen und der Lehrperson Feedback geben.« Der grüne Bildungssprecher Walser vermutet hinter Gantners Kritik hingegen ein Mentalitätsproblem der Volksschullehrerinnen: »Sie sind es einfach nicht gewohnt, auch überprüft zu werden.«

Sind also die Lehrer schuld? Der Nationale Bildungsbericht 2012, den das Unterrichtsministerium herausgibt, kommt jedenfalls zu einem ähnlichen Schluss wie Walser, Rosenkranz und Hanfstingl: Die Volksschullehrer verfügen, heißt es dort, »häufig nicht über ausreichende diagnostische Kompetenzen, um Leseschwierigkeiten sicher und möglichst frühzeitig identifizieren zu können«. Betroffen von der Kritik sind österreichweit rund 33.000 Lehrende an gut 3.000 Volksschulen, mehr als 90 Prozent von ihnen sind Frauen. Und mehr als ein Drittel von ihnen sind über 50, mehr als die Hälfte über 45.

»Dort, wo ein paar Lehrer eine ruhige Kugel schieben wollen, passiert es oft, dass motivierte Lehrer gemobbt werden«, sagt Bildungsforscherin Hanfstingl. In Reinprechtspölla ist Claudia Gantner mit ihren 25 Dienstjahren die Dienstjüngste an der Schule – und die Motivierteste, was vielen nicht gefällt. Denn viele Lehrerinnen würden sich nicht für die Kinder interessieren und seien mit ihren Klassen komplett überfordert, sagt Gantner. Es gebe viele schwarze Schafe, deren alleinige Motivation zum Unterrichten die langen Ferien seien. »Klar, bei jeder Berufsgruppe findet man Negativbeispiele«, sagt Gantner. Das Problem sei nur: »Ein beamteter Lehrer, der seinen Job schlecht macht, wird nicht gekündigt.«

Das Wort »Kündigung« will auch Ministerin Heinisch-Hosek nicht in den Mund nehmen. »Aber ich wünsche mir eine bessere Feedbackkultur und dass Schüler ihre Lehrer bewerten dürfen. Und Versetzungen kommen im Notfall immer wieder vor.« Nur könnten genau diese Versetzungen ein Problem sein, sagt Neos-Bildungssprecher Strolz: »Ein schlechter Lehrer ist wie ein Wanderpokal, der von Schule zu Schule geschickt wird.«

In der Volksschule Reinprechtspölla ist es mittlerweile elf Uhr. Eine Stützlehrerin , die ihren Namen nicht nennen möchte, sitzt mit vier Kindern in Claudia Gantners Klasse und löst Mathematikaufgaben, während die anderen Sachunterricht haben und über die Bedeutung des Waldes lernen. Die 23-Jährige ist hier, weil in der Klasse neben den zehn Viertklässlern auch sechs acht- bis zehnjährige Kinder lernen, die sonst eine Sonderschule besuchen müssten. Die junge Stützlehrerin kümmert sich um sie, gelernt hat sie das aber nicht. »Dass ich als Stützlehrerin eingesetzt werde, hat mich verunsichert«, sagt sie. Schließlich habe es während ihrer sechssemestrigen Ausbildung an einer Pädagogischen Hochschule in Niederösterreich nur ein einziges Seminar zu Sonderpädagogik und wenig Praxis gegeben. »Ich habe nicht das Gefühl, auf den Alltag an einer Schule richtig vorbereitet zu sein, beziehungsweise habe ich nicht gelernt, mit Kindern mit besonderen Bedürfnissen umzugehen.« Zwar habe es während ihrer Ausbildung Praxis gegeben. Diese sei aber nicht mit dem Schulalltag zu vergleichen.

Barbara Hanfstingl, die den Nationalen Bildungsbericht mitverfasst hat, wundert das nicht: »Die Lehrerausbildung in Österreich hat sowohl an Pädagogischen Hochschulen als auch an Universitäten einen massiven Aufholbedarf im internationalen Vergleich.« Eine Aufwertung des Berufs soll durch die Lehrerausbildung neu erreicht werden: Ein mehrstufiges Aufnahmeverfahren, eine vierjährige Bachelor-Ausbildung sowie ein ein- bis eineinhalbjähriges Masterstudium sind vorgesehen, an einigen Standorten startet die Ausbildung im kommenden Herbst – die Lehrpläne dafür stehen noch nicht fest.

Glaubt man dem Wiener Bildungsforscher Stefan Hopmann, geht aber auch die neue Lehrerausbildung nicht weit genug. »Es ist eine Zumutung, von einem Lehrer zu verlangen, Kinder vier Jahre lang in allen Fächern zu unterrichten. Klar kann ein Lehrer nicht alles gleich gut. Er ist auch nur ein Mensch.« Auch an den Volksschulen müsse es einzelne Fächer geben. Ministerin Heinisch-Hosek will das nicht: »Ich kann mir einen Wechsel jedes Jahr oder nach zwei Jahren vorstellen, aber nicht fächerweise.« Im Gegenteil, Lehrer müssten noch flexibler werden: »Mit der neuen Ausbildung wird es so sein, dass Lehrerinnen und Lehrer auch an den verschiedensten Schultypen eingesetzt werden. Allrounder werden die Lehrerinnen und Lehrer umso mehr sein müssen.«

Die Kinder lernen beispielsweise seit 1983 verpflichtend auch Englisch in der Volksschule. Die Volksschullehrerin soll also nicht nur in Deutsch, Mathematik und Sachkunde stets Bescheid wissen, mit den Kindern singen, tanzen und turnen, sondern sie auch in ihrer ersten oder zweiten lebenden Fremdsprache unterrichten. Gantner hält den verpflichtenden Englischunterricht teilweise für eine Farce. Ihre eigenen Englischkenntnisse seien höchstens »passabel«. Damit die Kinder trotzdem unterrichtet werden, setzt sie auf eine gebürtige Schottin, die seit vielen Jahren im Waldviertel lebt. Einmal in der Woche verbringt diese mit den Viertklässlern zwei Stunden in der Schulküche und kocht mit ihnen. Schneidet mit ihnen Salat, deckt den Tisch und liest Texte vor. Es fällt kaum ein deutsches Wort. Die Kinder müssen nicht mitschreiben, lernen das Vokabular laut Gantner aber sehr schnell. »Im Frontalunterricht würde das nicht so gut klappen.«

Bildungsforscher Hopmann will aber noch viel mehr als nur den Frontalunterricht beseitigen. Das Bildungssystem müsse »weg von Noten, 50-Minuten-Einheiten und Jahrgangsklassen. Das sind alles Dinge, die noch von der Einführung der Unterrichtspflicht durch Kaiserin Maria Theresia herrühren. Damit die Kinder brav und gleichgeschaltet werden, wie damals die Leute fürs Militär.« Auch die neue Unterrichtsministerin will da ansetzen. Jahrgangsübergreifende Klassen kann auch sie sich vorstellen, außerdem »hoffe ich persönlich, dass wir bald davon abkommen, Kinder nach einem fünfstufigen Ziffernsystem zu beurteilen«, sagt Heinisch-Hosek. Im aktuellen System sind Volksschulnoten entscheidend für die weitere Zukunft – wer im letzten Volksschulzeugnis in einem Hauptfach einen Dreier oder eine noch schlechtere Note hat, darf nicht ans Gymnasium. Im Mai will Heinisch-Hosek ein Gesetz vorlegen, das es Schulen und Eltern überlässt, ob Schüler bis zur dritten Klasse an Volksschulen Noten bekommen sollen. Ob sich die SPÖ-Ministerin damit durchsetzt, ist allerdings fraglich, denn im Regierungsprogramm steht all das nicht.

Dort sind zu den Volksschulen gerade einmal zwei Projekte festgeschrieben. Zum einen soll der Übergang vom Kindergarten zur Volksschule erleichtert werden, der »ein wenig ins Hintertreffen geraten« sei, sagt Heinisch-Hosek. Wie das genau aussehen soll, »will ich aber nicht verordnen«; an 20 Schulstandorten sollen demnächst Projekte dazu erarbeitet werden. Zum anderen soll es in den ersten beiden Klassen zusätzlich Sprachintensivkurse geben. »Das gibt es jetzt auch schon, in Wahrheit muss es nur intensiviert werden«, sagt die Unterrichtsministerin. Es ist ein überfälliger Schritt, denn die Leistungsunterschiede zwischen Kindern mit Deutsch als Erstsprache und solchen mit anderer Muttersprache sind in Österreich um 20 Prozent größer als im OECD-Schnitt.

Und noch etwas anderes schafft die Volksschule nicht: alle Kinder, auch jene aus schwierigen Verhältnissen, auf ein Niveau zu bringen, sie gesellschaftlich aufzufangen. Laut PISA-Studie können 27,5 Prozent jener Pflichtschulabgänger schlecht lesen, deren Eltern nur einen Pflichtschulabschluss haben, aber nur 5,8 Prozent derer, die Akademiker als Eltern haben. Die österreichische Volksschule schafft es weit schlechter als Grundschulen anderer Länder, jenen Deutsch beizubringen, die es noch nicht können.

Noch ein weiterer Punkt kommt Bildungsforscher Hopmann zu kurz, der für ihn vielleicht wichtigste überhaupt: »Wir müssen in der Volksschule auch gelassener werden, jedes Kind hat sein eigenes Tempo.« Die Volksschule sei hauptsächlich dazu da, den Kindern Spaß am Lernen zu vermitteln. »Das ist das Wichtigste. In der Volksschule bekommen sie die Rückmeldung, ob Anstrengung etwas nützt.«

Genau deshalb steht der Entschluss von Claudia Gantner fest. Sie hat alle Bewilligungen für ihre Privatschule beisammen und ist schon so gut wie weg. Im September wird sie ihre »Schule im Dialog« im Nachbarort Mold eröffnen. In zwei großen Klassenräumen sollen dann Sechs- bis Zehnjährige jahrgangsübergreifend unterrichtet werden. Jeder Schüler wird dort so schnell lernen, wie er mag und kann – Gantner wird ihn auf seinem Weg begleiten. Sie will dabei auf Erkenntnisse der Montessori-Pädagogik, der integrativen Therapie und auf eigene Erfahrung zurückgreifen. Allerdings wird es eine Schule für jene, die es sich leisten können. Das Schulgeld wird pro Monat 480 Euro betragen. Alle anderen müssen weiter hoffen, dass sich die Politik irgendwann der Volksschule annehmen wird.

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