Eine Stunde Kalter Krieg

Am Hernalser Gürtel werden Freiwillige in einen Keller gesperrt, um Bomben zu entschärfen.

Erschienen am 10.03.2013 in der Wiener Zeitung. Foto: Luiza Puiu.

Wien. „Bitte entschärfen wir die Bombe schnell. Ich muss nämlich dringend aufs Klo“, sagt Luiza, als sie als Letzte im Bunker eintrifft. Die 24-Jährige streift ihre rosa-blau-gestreifte Jacke und ihren Rucksack ab und stellt sich zusammen mit den anderen vor den schwarzen Bildschirm mit weißen Ziffern. Zack. Die Tür ist zu. Und der Countdown startet.

59:56. Nur 60 Minuten haben Raoul, Thomas, Miriam und Luiza Zeit, den Code der Bombe zu knacken. Sonst explodiert sie. In der Zwischenzeit gibt es also erst einmal keine Toilette. Und von der Bombe noch keine Spur.

Ein fensterloser, enger Raum. Ein Horror für Klaustrophobiker. Er ist spartanisch eingerichtet. Die Wände sind weiß, die braunen Holzmöbel aus den 1970er Jahren. Auf Regalen liegen Gasmasken, Spiegel, Lupen, Landkarten. Kästen sind mit Vorhangschlössern versperrt. An der Wand hängen schwarz-weiße Fotos von sowjetischen Soldaten mit ernsten Gesichtern und Familienbilder aus einer vergangenen Zeit.

54:33. Jede Minute zählt. Wie wild wird alles aufgerissen, umhergeschoben, in Koffern und Kleidung herumgestöbert. Es ist zwar nur ein Spiel, aber die Anspannung ist groß.

Ist die kaputte Uhr ein Hinweis oder eine Finte? Und was ist mit der Schreibmaschine am Tisch? Miriam notiert sich die Uhrzeit. Luiza schreit plötzlich auf: „Ich glaube, ich weiß die Kombination für das Schloss!“

50:45. Was sich ein wenig wie in einem Agentenfilm anhört, heißt „Exit the room“ und befindet sich in einem Kellergewölbe am Hernalser Gürtel im achten Wiener Gemeindebezirk. Seit rund einem halben Jahr hat sich hier ein Spielplatz für Möchtegern-Helden eingenistet.

Was es als Computerspiel schon längst gibt, haben die aus Ungarn stammenden Attila Fekecs und Gábor Rétfalvi in Budapest sowie in München und Wien in die Realität umgesetzt. Ihr Kalender ist voll mit Anmeldungen. In der Regel sind die Termine mehrere Wochen im Voraus ausgebucht.

In Zweier- bis Fünfer-Teams können sich hier Spieler einsperren lassen, Rätsel lösen, Bomben entschärfen und Schlösser knacken. Drei Welten stehen zur Auswahl. Entweder löst man als Detektiv Logikrätsel oder ist im Keller einer psychiatrischen Anstalt eingesperrt und muss zwischen Foltergeräten den Zahlencode knacken, um unbemerkt fliehen zu können. In diesem Fall befinden sich die Vier irgendwo mitten in Russland mitten im Kalten Krieg. Sie sind Spione und suchen die Atombombe, um die Welt vor der drohenden Explosion zu retten. Und die Zeit, die sie dafür zur Verfügung haben, wird immer weniger.

Vor dem Computer sieht alles einfacher aus
40:05. Mittlerweile sind 20 Minuten vergangen und noch wird an allen Gegenständen wie wild hantiert. Die Bombe haben sie mittlerweile gefunden. Besser gesagt, das iPad. Es befindet sich in einem verdrahteten Koffer, darüber prangert ein Passfoto von Lenin. Er blickt mit strengem Blick auf die Teilnehmer.

„Komisch, in Videospielen funktioniert das immer“, sagt Thomas, als einer seiner Pläne nicht aufgeht. Daheim vor dem PC sieht anscheinend alles immer so einfach aus. Der 34-Jährige verbeißt sich in die kleinen Details, tippt auf der Schreibmaschine herum, durchleuchtet Fotos. Er behält die Ruhe.

15:27. Nicht mehr viel Zeit bis zur Explosion.

Der 24-jährige Raoul hat währenddessen das Kommando der Gruppe übernommen und zeigt, wo es langgeht. Er ist von allen auch der Einzige, der sich die Hausordnung davor durchgelesen hat und pünktlich da war. Der Schauspielstudent hält das Funkgerät in seinen Händen. Gleichzeitig kombinieren Miriam und Luiza auf einem Blatt Papier wie wild Zahlenkombinationen. Mittlerweile liegen die Nerven blank, ein orangenfarbenes Polizeilicht leuchtet, aus Lautsprechern dröhnt bedrohliche Musik.

(c) Luiza Puiu
Raoul hat die Lage im Griff. (c) Luiza Puiu

Eine Kamera filmt den Fortschritt drinnen mit, draußen im Empfangsraum verfolgt ein Mitarbeiter das Geschehen am Bildschirm. Mit einem Funkgerät ist er mit den Jungs und Mädels im Bombenkeller verbunden. Immer wieder zischt es, Stimmen ertönen aus dem Gerät. Alle schrecken kurz auf. Auf der Frequenz ist auch der Taxifunk zu hören.

Wenn es nötig ist, gibt er einen entscheidenden Hinweis. Fünf Mal darf das Team um einen bitten. Zwei Joker hat Raoul schon nach einer demokratischen Abstimmung genutzt. „Vergesst nicht, was ich euch am Anfang gesagt habe“, heißt es über das Funkgerät. Dann findet endlich jemand den Lichtschalter. Die Suche wird einfacher.

9:57. Noch zehn Minuten, sagt eine dunkle Stimme.

Mittlerweile stehen alle gespannt um die iPad-Bombe und versuchen die richtige Kombination einzugeben. Immer wieder scheitern sie. „Ihr seid am richtigen Weg, Leute“, schickt der Mitarbeiter in den Raum. Jetzt heißt es, schnell sein.

2:07. Zwei Minuten vor der Explosion: Raoul schwitzt. Er tippt immer wieder neu errechnete Zahlenkombinationen ein.

Passt! Die Freunde jubeln. Das war der richtige Code. Die Bombe ist entschärft. Gratulation. Gerade noch dank der Hinweise geschafft. Das schnellste Team hat das Rätsel in 20 Minuten erledigt, neun von zehn schaffen den Raum. Ein schwacher Trost für die Anstrengungen der vergangenen 58 Minuten.

Einmal im Jahr werden die Raumrätsel verändert. Dann hätten sie wieder die Möglichkeit, eine gute Figur als Spione abzugeben. Schnell wird noch ein Erinnerungsfoto von den erfolgreichen Bombenentschärfern geknipst und sich mit einem Edding-Stift an der Wand im Empfangsraum verewigt. Wie nach einer soeben bestandenen Prüfung erzählen sich die Freunde jetzt gegenseitig die Höhepunkte der vergangenen Stunde und lachen über Fehltritte. Die Anspannung ist vorbei, die Stimmung ausgelassen. Und nach dem ganzen Trubel hat Luiza ganz vergessen, auf die Toilette zu gehen.

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