Gegen das ehrgeizige Spermium

Im Museum für Verhütung und Abtreibung Mariahilfer Gürtel in Wien beißt sich der Storch die Zähne aus.

Erschienen am 5.12.2013 in der Wiener Zeitung.

Wien. Es ist neun Uhr morgens und die erste Führung für Anna Pichler steht an. Die 51-Jährige mit den kinnlangen Haaren und der bunten Strickjacke spricht heute mit 15 Berufsschülerinnen. Die 16-Jährigen stehen bereits im Empfangsraum, neben antiquierten Kondom- und Antibaby-Zäpfchen-Automaten mit der klingenden Aufschrift „…da beißt sich der Storch die Zähne aus“ und einem Tisch mit Gratistampons. Manche versuchen, abgeklärt zu wirken und klimpern mit ihren Mascara-verklebten Wimpern, andere schielen beschämt auf Verhütungs-Broschüren. Es wird getuschelt und gekichert. Als sich ihre Lehrerin mit den Worten „Ich gehe jetzt, damit ihr euch alles sagen traut“ verabschiedet, betritt Pichler die Bildfläche und führt sie in zwei helle Räume mit zartrosa und weißen Boxen.

Keine Tabus
Pichler beginnt mit sanfter Stimme über die ersten Kondome zu erzählen, die aus Schafsdarm gefertigt und mehrmals verwendet wurden. „Kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, gell?“ Die Teenies beginnen zu lachen, die Atmosphäre wird locker. In den nächsten zwei Stunden stellen die Berufsschülerinnen Fragen, die sie wohl nie ihrer Biologie-Lehrerin stellen würden.

Pichler ist Führerin im kleinen Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch am Mariahilfer Gürtel im 15. Bezirk, ganz nahe am Westbahnhof. Seit der Eröffnung 2007 besichtigten rund 25.000 Besucher die Räume. Großteils sind es Lehrer mit ihren Schulklassen, die den Aufklärungsunterricht auf Pichler und ihre Kollegin auslagern.

Manchmal kommen auch Erwachsene, die gleich viele Wissenslücken haben wie Teenager. „Nur weil man Sex hat, heißt es nicht, dass man aufgeklärt ist: Erwachsene sind oft unwissend Praktizierende. Über Verhütung und Abtreibung wird noch immer kaum geredet.“ Pichler bespricht mit den Besuchern Ängste, den Unterschied von echtem Sex zu Pornografie oder lässt ältere Menschen über ihre Erfahrungen aus ihrer Jugend erzählen.

Das Museum ist weltweit einzigartig; eine Galerie aus Zeitdokumenten, Erfahrungsberichten, Gesetzestexten und Anschauungsmaterial, hauptsächlich von Mitbegründer und Gynäkologen Christian Fiala, Stück für Stück zusammengetragen. Fiala hat das Museum initiiert, um sich quasi arbeitslos zu machen. Direkt daneben befindet sich nämlich sein Ambulatorium für Schwangerschaftsabbruch und Familienplanung „Gynmed“. Täglich patrouillieren dort christliche Fundamentalisten mit Plakaten und Plastikembryos. Seit drei Jahren ist es ihnen verboten, mit den Patientinnen zu sprechen.

Mit dem Museum hat Fiala vor allen eine Intention: „Ich wollte auf pädagogischem Weg Bewusstsein schaffen, dass Männer 100 Millionen Spermien täglich produzieren, die unbedingt eine Eizelle befruchten wollen. Und das kann bei jedem Verkehr passieren.“ Dass es bei jedem Mal passieren kann, macht Pichler auch der Mädchenklasse klar. Der erste Raum beschäftigt sich mit Verhütung. Die Teenager sitzen auf Hockern aus hellem Holz. Im Hintergrund flackert auf einem Bildschirm ein Film, der die inneren Organe von Mann und Frau beim Sex zeigt. Es ist das einzige Objekt im Museum, das annähernd pornografisch verstanden werden könnte.

Pichler spricht über Fruchtbarkeit und lässt die Hormonspirale durchgeben. Die Mädchen ziehen an dem Anker-förmigen Ding. Sie tuscheln über ihre eigenen Erfahrungen mit der Pille oder erzählen, warum sie aus religiösen Gründen keinen Sex haben. Pichler beruhigt: „Macht es, wie ihr wollt. Ich zeige euch nur die Möglichkeiten, um euch vor ungewollten Schwangerschaften zu schützen.“

Der Raum ist eine Galerie aus Versuchen, die eigene Fruchtbarkeit zu kontrollieren. So wurde früher mit Krokodil-Dung, Fischblasen und Coca-Cola-Scheidenspülungen verhütet. Ging etwas schief, wurde oft zu lebensbedrohlichen Mitteln gegriffen: Abtreibung, etwa durch einen Stich mit der Stricknadel durch die Fruchtblase. Ein Stich an der falschen Stelle und die Frau verblutete. In Uganda ist Abtreibung heute noch verboten. Dort verwenden Frauen Äste, um die Blase zum Platzen zu bringen. Fiala, der neben Uganda auch in der Karibik und Thailand arbeitete, operierte selbst abgebrochene Äste aus Gebärmüttern heraus. Heute liegen sie in einer Vitrine, neben anderen „Werkzeugen“, wie etwa einer Fahrradspeiche.

Im katholischen Österreich ist Abtreibung seit der Einführung der Fristenlösung 1975 ein totgeschwiegenes Thema. Seit knapp 40 Jahren ist Schwangerschaftsabbruch innerhalb der ersten drei Monate nach einer ärztlichen Beratung straffrei. Davor wurde von 1768 durch Kaiserin Maria Theresia Schwangerschaftsabbruch bis 1945 mit dem Tod bestraft. Österreich ist bislang eines von wenigen Ländern Westeuropas, in denen weder Verhütungsmittel noch Schwangerschaftsabbrüche von Krankenkassen bezahlt werden.

Pichler gibt eine Petition durch. Es geht darum, dass Verhütungsmittel für Menschen unter 21 Jahren gratis sein sollen. Ein paar Mädchen unterzeichnen.

Drang zur Natürlichkeit
Vorsorge und Prävention ist das größte Problem in Österreich, sagt Fiala. Selbst im Medizinstudium werde das Thema Verhütung und Abtreibung ausgelassen. Es gab noch nie so viele Verhütungsmethoden und vergleichsweise viele „Unfälle“. Das habe aber auch mit dem derzeitigen Drang zur Natürlichkeit zu tun. Dabei ist das Normalprogramm, dass die Natur für der Frau vorsah, brutal: „Frauen waren 35 Jahre fruchtbar: 15 Schwangerschaften, 10 Geburten, acht Kinder überlebten und wurden zwei Jahre lang gestillt. Überlebte das eine Frau, kam sie in den Wechsel. Das ist Natürlichkeit, alles andere ist romantische Verklärung“, sagt Fiala.

Die Schülerinnen haben von den Debatten nichts mitbekommen. Wichtig ist ihnen, was „Untenrum“ so passiert und dass auch Jungs für Verhütung verantwortlich sind. Am Ende der Führung spricht Pichler mit den Mädchen über den Besuch beim Frauenarzt, empfiehlt lange, gemütliche Kleidung und exerziert wieder: „Lasst euch nichts einreden. Traut euch, Fragen stellen und Nein sagen.“ Warum das Pichler eigentlich so wichtig ist? „Weil es ihr Körper ist.“

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