Im Wartezimmer für Deutschland

Rauchen, warten, hoffen: Tausend Menschen sprechen täglich in der Berliner Ausländerbehörde vor, um in Deutschland bleiben zu dürfen. Drei Schicksale.

Erschienen am 20. August 2013 bei ZEIT ONLINE.

Berlin-Moabit, Donnerstagvormittag. Im Hof von Deutschlands größter Ausländerbehörde, vor Aschenbechern und Parkbänken, sammeln sich Menschen aus unterschiedlichsten Ländern. Ihre Gesichter sind angespannt. Manche tragen gebügelte Hemden, andere haben sich seit Tagen nicht rasiert. Unter ihren Armen klemmen Klarsichtfolien oder Ledertaschen, vollgestopft mit jenen Dokumenten, die ihnen das Recht auf einen Aufenthalt in der Bundesrepublik sichern sollen. Die meisten kommen in Begleitung, mit der sie Strategien ausfeilen oder sich die Zeit totschlagen. Eine Frau Mitte Zwanzig sagt auf Englisch zu ihrer Bekannten: „Einfach nett sein. Viel lächeln und ja nicht widersprechen.“ Beide nicken ernst. Sie wissen, worum es geht.

Am Friedrich-Krause-Ufer 24 öffnen jeden Wochentag außer mittwochs und freitags die großen Eisengitter des grauen Gebäudekomplexes um sechs Uhr früh. Über Tausend Menschen haben hier täglich Termine. Zuvor stehen sie stundenlang für eine Wartenummer an.

13 Abteilungen auf drei Etagen: Jede Abteilung ist nach Ländern und Sachlagen, wie Asyl- und Visaangelegenheiten, gegliedert. Über 200.000 Ansuchen von Ausländern wurden 2012 bearbeitet, fast die Hälfte davon wurde genehmigt.

Döndü, Amir, Soling: Das sind die Protagonisten dieser Geschichte. Sie haben nicht viel gemeinsam. Trotzdem kennen sie die Sorgen der anderen; kennen dieses flaue Gefühl im Magen, die Angst, den benötigten Stempel, das fehlende Dokument oder den Ausweis nicht zu erhalten. Von ihnen wird heute keiner weniger als fünf Stunden in dieser Maschinerie aus Formularen, Stempeln und Hierarchien warten. Die Ausländerbehörde ist Dienstleistungsamt und Wächterbehörde zugleich. Sie wägt von Situation zu Situation immer wieder neu ab.

10.30 Uhr. Abteilung Z7: Türkei

„Manchmal verläuft alles reibungslos, manchmal gibt es Stress“, sagt die 19-jährige Döndü. „Es kommt immer darauf an, wie der Mitarbeiter gelaunt ist.“ Sie trägt Brille, schwarze Weste, und hat einen langen Haarzopf. Döndü ist in Berlin geboren, aber hier „irgendwie noch immer fremd“, wie sie sagt. Laut Pass ist sie Türkin, so wie ihre Eltern. Sie ist jetzt volljährig und braucht eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland.

Die deutsche Staatsbürgerschaft möchte Döndü nicht beantragen. „Mir bringt ein deutscher Pass nicht so viele Vorteile, außer dass ich ohne Visum reisen kann“, sagt sie. In 20, 30 Jahren möchte sie in die Türkei ziehen und dort ein Haus kaufen. „Zurückkehren“ nennt sie das. Ohne türkischen Pass, so Döndü, könne sie in ihrem Heimatland kein Grundstück erwerben.

Doch zunächst einmal will sie hier bleiben. Dies ist ihr dritter Anlauf beim Ausländeramt. Bisher hatte sie jedes Mal mindestens ein Dokument vergessen. Mittlerweile ist ihre befristete Aufenthaltsgenehmigung abgelaufen. Um nicht das Land verlassen zu müssen, hatte sie also keine Wahl, als die Unterlagen zusammen zu suchen. Sie hat sie in ihrer violetten Adidas-Tasche mitgebracht.

Döndu sitzt im dritten Stock in einem der unzähligen Wartebereiche der Ausländerbehörde. Die Zonen sind alphabetisch geordnet und ähneln mit den Bänken aus Fichtenholz einer Kirche. Anstatt auf einen Priester starren die Menschen andächtig auf den Wartenummern-Anzeiger. In den Räumen und neonbeleuchteten Gängen drängen sich Gruppen von Menschen. Alle drei Minuten schellt es, die Anzeige schaltet auf die nächste Nummer, ein Mann springt auf und läuft wie ferngesteuert in das Beamtenbüro.

„Sobald die eigene Nummer aufploppt, fühlt man sich, als hätte man im Lotto gewonnen“, sagt Döndü. Wie eine Melodie durchziehen die Töne der Anzeiger die Etagen: Ding-Dong. Döndü ist an der Reihe.

Die quirlige Frau wohnt noch bei ihren Eltern und jobbt täglich in einer Wäscherei. Vor Kurzem hat sie ihren Abschluss zur Mittleren Reife gemacht. Als Kind wollte sie Bundeskanzlerin werden, „damit es für die Leute nicht mehr so komisch ist, mit Türken zusammen zu leben“, sagt sie.

Es läuft heute gut für Döndü. Ihre Unterlagen scheinen komplett zu sein, schon nach Minuten ist ihr Termin vorbei. Zwei Etagen tiefer schiebt sie 20 Euro in einen Kassenautomaten. Mit dem Beleg setzt sich Döndü wieder in den Warteraum, wartet wieder eine Stunde, muss wieder in das Zimmer der Mitarbeiterin und bekommt eine Fiktionsbescheinigung. Der Ausweis aus rosafarbenem Karton ist ein vorläufiges Ersatzpapier bis sie in drei Monaten ihre dauerhafte Genehmigung abholen kann.

12.30 Uhr. Abteilung Z9: Asylangelegenheiten

Der gebürtige Iraner Amir sitzt auf einer Parkbank vor dem Eingang der für ihn zuständigen Abteilung. Er trägt ein grünes Shirt, hat kurz geschorene Haare und eisblaue Augen. Er raucht. Im Hintergrund zischt die U-Bahn vorbei.

Der Iran verweigert Amir, wie es im Fachjargon heißt, die Entlassung der Staatsbürgerschaft. Darum kann der 32-Jährige in Deutschland nicht eingebürgert werden. Den Behörden sind in diesem Punkt schlicht die Hände gebunden. Die Bundesrepublik hat ihm im Alter von zwölf Jahren Asyl gewährt, seitdem muss er halbjährlich seinen blauen Flüchtlingspass verlängern. Ärgerlich und aufwendig für ihn, aber es gibt derzeit keine andere Möglichkeit.

Das Prozedere dauere jedes Mal sechs bis zwölf Wochen, drei Mal mindestens müsse er persönlich vorsprechen, sagt Amir. „Die Begründung ist stets: Die Bundesstelle müsse meinen Status prüfen. Mich erinnert das eher an Willkür.“ Als wäre sein Fall den Sachbearbeitern nicht längst bekannt.

Amir strandete im Alter von sechs Jahren alleine in einem Flüchtlingsheim in München. Was aus seinen Eltern geworden ist, weiß er nicht. „Ich möchte von den Behörden und der Bevölkerung einfach auf Augenhöhe wahrgenommen werden“, sagt er. Das heißt für ihn: einen deutschen Pass zu haben und wählen zu dürfen.

Nach der Zeit im Flüchtlingsheim schlug er sich alleine durch, studierte Volkswirtschaftslehre und machte sich vor vier Jahren als Unternehmensberater für die Internetbranche selbstständig. Heute hat seine Firma zwölf Mitarbeiter.

Amir ist in Deutschland oft umgezogen und hat dementsprechend viele Ausländerbehörden von innen gesehen. Die Atmosphäre hier in Berlin-Moabit sei bisher am angenehmsten: „Die Mitarbeiter hier bemühen sich sehr, dagegen waren andere Ausländerbehörden katastrophal, da wurdest du richtig blöd angequatscht.“

In diesem Moment wird direkt vor Amirs Augen ein Mann von zwei anderen abgeführt, die schwarze Lederhandschuhe tragen. Sie halten ihn an seinen Oberarmen fest. Der kleingebaute Mann um die 30 starrt zu Boden. Für ihn ist die Zeit in Deutschland vorbei. 363 Personen wurden 2012 in Berlin abgeschoben, fast 100 weniger als im Jahr zuvor.

Amir drückt seine Zigarette aus und geht in den Wartebereich. Für die Ausweisverlängerung zahlt er 59 Euro.

17.30 Uhr. Abteilung Z2: Studierende und Wissenschaftler aller Länder und deren Familienangehörige

Soling trägt eine schwarze, eckige Brille und ein weißes Hemd. Mit dem Thema Integration in Deutschland hat er sich noch nicht beschäftigt. Er hatte einfach noch keine Zeit dafür. Seit drei Monaten wohnt Soling in Berlin, seit drei Monaten lernt er Deutsch. Er möchte Operngesang studieren, deshalb braucht er eine Aufenthaltsgenehmigung.

„Alles hier ist schwer und schwierig“, sagt Soling. Seine blonde Begleiterin lächelt. Die kleine Frau mit den kinnlangen Haaren heißt Monika, Soling kennt sie aus der Bibel-Stunde. Immer wieder übersetzt er Wörter mit seinem Smartphone ins Deutsche und liest es dann langsam ab.

Soling ist streng gläubig, seinen einzigen Kontakt mit Deutschen hatte er bislang über die katholische Gemeinde in Berlin und über den Deutschkurs an der Universität. Rückhalt bietet ihm die koreanische Community. Sein WG-Zimmer hat er so gefunden.
Ohne seine Landsleute hier wäre er aufgeschmissen und könnte sich mit Vermietern und Behörden nicht unterhalten, denn auch Englisch spricht er nicht. Er habe nicht viele Vorstellungen von Europa gehabt, aber dass alles so kompliziert sei, hätte er sich nicht gedacht.

Kurz bevor Soling an der Reihe ist, muss Monika weg. Soling blickt nervös auf seine Unterlagen. Dann legt er den Kopf zurück, kneift die Augen zusammen und massiert mit einer Hand seine Schläfe: „Ich schaffe das nicht alleine.“

Nach einer halben Stunde wird er wieder in das Beamtenzimmer gerufen. Für 15 Minuten verschwindet er hinter der Tür. Die Behörde prüft nun seine Unterlagen, so das Ergebnis. In vier Wochen muss er wiederkommen und das Warten beginnt von vorne. Aber das nächste Mal nicht ohne Monika, sagt Soling. Er tippt wieder in sein Smartphone und sagt dann: „Hier versteht mich niemand.“

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