„In Wien ist man gerne tot“

Immer mehr Ösis zieht es in die hippe eklektische Stadt Berlin. Wiener schätzen günstige Mieten, umgängliche Beamte und die „Spätis“.  Zwei Porträts.


Erschienen am 27.09.2013 in der Wiener Zeitung.

Wien. Wenn Julia Pollak über Berlin spricht, klingt das wie aus einer Werbung. Sie beginnt die Vorteile der deutschen Bundeshauptstadt aufzuzählen, so als würde sie Berlin zum Verkauf anbieten: günstige Mieten, besonders liberale Behörden, unendliche Freiheit. Und dann sagt die 30-Jährige immer wieder den Satz: „So etwas gibt es in Wien nicht.“ Bei so einem Angebot kann man doch nur zuschlagen. Das dachte sich zumindest Julia.

Die gebürtige Wienerin ist Schauspielerin, hat wallendes, hellbraunes Haar, trägt eine knallrote Stoffhose und eine blaue Jeansjacke. Sie gehört zu jenen Menschen, die auf ihr Bauchgefühl hören, wie sie sagt.

Aus diesem Grund ist sie im Februar 2012 nach Berlin ausgewandert. Nach einem Schauspielkurs, den sie während ihrer Bildungskarenz in Berlin absolvierte, entschied sie sich für den Stadtteil Kreuzberg und gegen ihr beschauliches Leben im dritten Bezirk. Sie kündigte ihre Wohnung, ihren Job als Journalistin in einem großen österreichischen Verlag und zog ohne Plan nach Berlin. Mittlerweile hat sie einen Nebenjob als Arzthelferin und nimmt immer wieder kleinere Rollen in Filmen an.

Der Sommer geht zu Ende, die Berliner nutzen die wenigen warmen Tage aus, um sich im Freien aufzuhalten. Julia sitzt in einer Seitenstraße in einer Bar namens „Würgeengel“ im Szeneviertel Kreuzberg, nahe der U-Bahnstation Kottbusser Tor. Auf der Dresdener Straße sammeln sich vor den unzähligen Bars Menschen. Sie sitzen eng aneinander auf Bierbänken, rauchen und trinken. „Irgendwie habe ich noch nie nach Wien gepasst. Ich fühlte mich eingeengt“, sinniert Julia. Wien sei für sie wie ein großes Museum: sehr sauber, sehr geordnet, sehr alt. Berlin hingegen sei für sie sehr schwer in Worte zu fassen, „in jeder Ecke wirst du überrascht. Du entdeckst täglich etwas Neues.“

10.000 Österreicher leben in der deutschen Hauptstadt
Seit der deutschen Wiedervereinigung 1989 zog es nicht nur die Politik an die Spree, sondern auch Verlage, Musiklabels und Medien. Mit den Unternehmen und Ausgehmeilen entstand der Berlin-Hype. Seitdem strömen die Massen nach Berlin, die hier ihr Glück suchen. Auch 10.000 Österreicher leben laut Statistikamt Berlin-Brandenburg in der deutschen Hauptstadt. Darunter auch Wiener, so wie die Neu-Zugezogene Julia und Paul Wagner – ein alteingesessener Wien-Berliner, der seit 13 Jahren hier lebt und arbeitet. Ein Leben an der Donau ist für ihn mittlerweile unvorstellbar.

In Wien gibt es seit Jahrhunderten Lipizzaner

Paul Wagner kam als 35-Jähriger nach Berlin. So spontan wie Julia. Jetzt in Rückblende bezeichnet er den Stadtwechsel als Flucht. „Ich wusste nicht, was ich in Wien tun sollte, suchte mich selbst und entschied mich für Berlin, nachdem ich einen dort lebenden Freund besuchte.“ Berlin war laut Wagner Anfang der 2000er Jahre ein großer Abenteuerspielplatz. „Hier gab es nichts. Ständig entstanden neue Clubs und Unternehmen. Man konnte sich kreativ ausleben.“ In Wien hingegen „gab es schon seit Jahrhunderten Lipizzaner und die Hofburg. Da war alles immer beim Alten. Auch heute noch. Man ging immer in dieselben Kneipen und trifft immer die gleichen Leute.“

Paul hat graumelierte kurze Locken, trägt ein weißes T-Shirt, kurze Hosen und Sneakers. Auch er sitzt auf einer Bierbank, vor seinem Lieblingsspätverkauf in Kreuzberg in der Reichenberger Straße. Die „Spätis“ sind kleine Läden, die einer Trafik oder Bäckerei ähneln, wo auch nachts Hunger, Durst und andere Nöte gestillt werden können. „Hast du dich mal an die Spätis gewöhnt, stressen dich die Öffnungszeiten in Wien“, sagt er und lacht.

Er spricht gerne über Berlin und die ständigen Veränderungen, die hier vor seinen Augen, in seinem „Kiez“, passieren. An den Fassaden der Reichenberger Straße sind saniert, Radfahrer und Eltern mit Kinderwägen fahren an ihm vorbei, gegenüber hat ein neuer Biomarkt eröffnet. Der Biomarkt – kein gutes Zeichen. Stichwort Gentrifizierung. Ein Wort, bei dem Paul zusammenzuckt: „Sobald ein Bioladen aufmacht, weißt du, dass es deinen Kiez erreicht hat.“

Gentrifizierung besagt, dass sich ein Stadtteil auf ein neues, zahlungskräftiges Publikum einstellt und das alteingesessene verdrängt. Ein Beispiel aus Wien: Der Yppenplatz im Ottakring mutierte in wenigen Jahren von einem schmuddeligen Viertel zu einem schicken Grätzl, in das jetzt Jungfamilien ziehen.

Berlin verkommt zu einer großen Modenschau

Kann man sanierte Wohnungen, nette Cafés, große Spielplätze und Touristen schlecht finden? „Natürlich nicht. Die Touristen bringen der Stadt Geld und ich verstehe schon, dass Menschen hier leben wollen.“ Aber es gehe es um die Attitüde der „Zuagroasten“, sagt Paul und wird dabei ein bisschen grummelig, fast schon wienerisch. Berlin verkomme zu einer großen Modenschau aus Menschen mit großen Brillen und teuren Laptops. Überall liege Bier, täglich werde gefeiert.

Berlin hat sich also verändert. Oder Paul ist erwachsen geworden. Je nach Sichtweise. Während er bis vor ein paar Jahren selbst nächtelang durchfeierte, ist er mittlerweile Vater einer zweieinhalb-jährigen Tochter. Und er hat ein Unternehmen gegründet, in dem er als künstlerischer Leiter Internetseiten und Handyanwendungen plant und gestaltet.

Trotz der Veränderung hat Paul kein bisschen Heimweh. Einmal im Jahr fährt er nach Österreich. „Nur um ein paar Freunde und die Eltern zu besuchen.“ Und trotzdem spricht er nicht von Österreich, sondern von Heimat, in der er auch eines Tages begraben werden möchte: „In Wien ist man gerne tot. In Berlin möchte ich nicht unter der Erde liegen. Hier gibt es keine Ruhe“, sagt er. Außerdem vermisse er an Wien die Kaffeehauskultur, den morbiden „Schmäh“, den Spritzer und nicht die deutsche „Schorle“ und er vermisst die Hügel: „In Berlin kannst du nirgends hinauf- oder hinabschauen. Hier ist alles so eben. Das ist auf die Dauer schon langweilig.“

Vermutlich gehört Julia zu jenen jungen Menschen, die Pauls geschätztes Berlin so verändern. Zu jenen, die Pauls Generation in Berlin beim Selbstfinden abklatschten. Jetzt sind sie an der Reihe. Im Schnitt bleibt ein Neuankömmling sieben Jahre in Berlin, bevor er aufgibt, sagte einmal ein Immobilienmakler zu ihr. Schließlich ist die Stadt arm, die Konkurrenz groß und die Löhne niedrig. Auch sie schweift mit ihrem Blick unsicher in die Ferne, wenn man sie fragt, wie lange sie noch hier bleibe. „Keine Ahnung. Ich habe vor zu bleiben. Aber nicht ewig.“

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