Erwachsene in Kinderschuhen

Ein rumänisches Mädchen kommt im Alter von sechs Jahren nach Wien und ist die Einzige ihrer Verwandten die Deutsch spricht. Während ihr Vater auf den Straßen musiziert, regelt die Elfjährige Arztbesuche und Behördengänge. Fotos: http://luizapuiu.com/

Erschienen am 11.7.2011 in der Furche.

Manchmal sieht Mari es nicht ein. Sie versteht die Ansichten ihres Vaters nicht. „Er kann kein einziges  Wort“, sagt das knochige Mädchen und schüttelt den Kopf: „Er lebt schon so lang hier und kann kein Wort Deutsch.“ Die Elfjährige sitzt auf dem Doppelbett in ihrem Altbau-Zimmer und blickt ihren Vater vorwurfsvoll an. Die markanten rosa-gestreiften Vorhänge sind zugezogen und tauchen den Raum in die Farbe Lila. Der stämmige Mann steht auf Krücken vor ihr, sein linker Unterschenkel ist amputiert. Sein faltendurchzogenes Gesicht wirkt emotionslos, ganz so, als könnte er die Anklagen seiner Tochter schon auswendig.  „Ich bin doch nur wegen dir hier. Ich mache doch alles nur für dich“, kontert er mit strenger Stimme. Das Mädchen mit den langen braunen Haaren sieht ihn ungläubig an, sagt aber nichts.

Mari kam zusammen mit ihrem Vater vor fünf Jahren nach Wien. Seitdem sind sie zwei von rund 20.000 Rumänen in der Bundeshauptstadt. Obwohl Mari so gut wie keine Österreicher kennt, kann sie die Sprache mittlerweile sehr gut. Immer wieder kommen rumänische Verwandte nach Österreich um hier zu arbeiten oder sich ein neues Leben aufzubauen. Mari ist die Einzige von ihnen die deutsch beherrscht. Deswegen ist sie es auch, die für ihren Vater und ihren Verwandten das tägliche Leben organisiert. Vom Arztbesuch bis zum Behördengang. Und das, obwohl sie viel lieber spielen oder fernsehen möchte.

Bis vor kurzem lebten Mari und ihr Vater noch in einer Wohnung, die so groß war, wie ihr jetziges 25-Quadratmeter-Zimmer. Sie wohnten dort die meiste Zeit zu viert zusammen.  Dusche und Toilette war am Gang. „Sie hat richtig gestunken“, sagt Mari. Um sich eine neue, ertragbare Wohnung leisten zu können, ist sind die beiden mit ihrem Bruder und ihrer Tante – mit der sie sich auch das Zimmer teilt – zusammengezogen. Außer einem Schrank und einem Schreibtisch lässt sich in dem Zimmer nicht viel finden. Aber das macht nichts, denn der Schreibtisch ist das Essenzielle: Einen Schreibtisch hat sich Mari schon immer gewünscht.

Mari kommt ursprünglich aus einem kleinen Dorf im südlichen Rumänien. Ihr Vater arbeitete dort bei der Bundesbahn, bis ihm bei einem Arbeitsunfall der linke Unterschenkel amputiert wurde. Seit er in Wien ist, verdient er sein Geld mit dem Mitleid der Passanten: Jeden Tag zieht er mit seiner Harmonika durch die Stadt. Als Musiker verdiene er hier einfach besser, sagt er auf die Frage, warum er nicht in Rumänien geblieben ist.

Rumänien ist seit vier Jahren Mitglied der Europäischen Union und liegt im Bildungs- wie Arbeitssektor unter dem EU-Durchschnitt. Viele wandern, wie Maris Vater, in andere EU-Länder aus. Man geht davon aus, dass 2007 rund 3,4 Millionen Rumänen im Ausland beschäftigt waren, davon zirka 1,2 Millionen legal.

Mari hat ihn früher immer zu seinen „Auftritten“ begleitet, mittlerweile bleibt sie hier in der Wohnung um die Hausübung zu machen oder mimt die Dolmetscherin. Wenn sie beispielsweise für ihren Bruder zur Behörde geht, um eine Arbeitserlaubnis zu beantragen, seien die Menschen am Schalter „zwar meistens nett“ aber „ manchmal reden die so schnell, dann verstehe ich kein Wort.“ Als die Frau ihres Bruders schwanger war, war Mari bei jedem Arztbesuch dabei und übersetzte; auch jetzt ist sie bei der Mutter-Kind-Untersuchung die Dolmetscherin. „Aber für meinen kleinen Cousin tue ich alles, der ist lieb“, sagt sie. Anders empfindet sie es bei ihrem Vater. Sie haben Rollen getauscht – Mari übernimmt die Verantwortung für ihn. Um sich in dem fremden Land zurecht zu finden, braucht der 50-Jährige fast immer ihre Hilfe. Für den Einkauf im Supermarkt oder die Bearbeitung der täglichen Post  – ohne Mari geht das nicht. Auch ihre Mutter ist auf sie angewiesen. Die 41-Järhige lebt mittlerweile auch in Wien und ist von ihrem Vater geschieden.

Früher hat sie alles für ihren Vater selbstverständlich gemacht. Doch immer öfter erfüllt Mari ihre Übersetzungsaufgaben ungern und beginnt mit ihrem Vater zu diskutieren. „Ich würde mich schon freuen, wenn ich nicht mehr mitgehen muss. Mein Vater und mein Bruder wollen nicht zum Deutschkurs gehen, weil sie keine Zeit haben“, sagt Mari. Auf jeden diesbezüglichen Vorwurf Maris entgegnet ihr der Vater auf Rumänisch: „Ich bin 50. Ich lerne keine Sprache mehr.“

Für Mari gibt es kein Zurück mehr nach Rumänien, dort ist es ihr zu arm:  „Die Kinder dort im Dorf laufen Barfuß rum“, sagt das Mädchen und blickt auf ihren pinken Pullover und ihre glitzernden Leggins. Sie will nicht mehr so arm sein.

Außerdem hat Mari auch dort eine Sprachbarriere. Mittlerweile kann das Mädchen besser Deutsch als rumänisch. Mit ihrem rumänischen Wortschatz könnte sie sich zwar im Alltag verständigen, aber die Schrift beispielsweise kann sie gar nicht. „Vielleileicht lerne ich das irgendwann mal, aber für mich ist deutsch schon schwer genug“, sagt die Kleine.

Dass sie mittlerweile die österreichische Sprache gut beherrscht, ist nicht selbstverständlich. Als sie im Jänner 1996 nach Wien kam, wurde sie ohne Sprachkurs in eine Volksschulklasse gesteckt um sich in die Sprache einzuhören. „Ich möchte sowas nie wieder erleben. Ich bin dagesessen und habe lang nichts verstanden“, erzählt sie. Ihre Lehrerin hat sich am ersten Schultag mit viel Mimik und Gestik als „Frau Inge“ vorgestellt. „Am Anfang konnte ich nicht mal, Frau Lehrer` aussprechen, ich sagte immer sowas wie, Milehrerchin“, erinnert sie sich.

Nur selten sieht man in ihrer Volksschule österreichische Kinder. Ihre Schulkameraden haben alle ausländische Wurzeln – Mari selbst ist die einzige Rumänin in ihrem Jahrgang. Mari hat fast keinen Kontakt zu Österreichern, ihre einzigen inländischen Bezugspersonen sind ihre Lehrerinnen und die Betreuer des Jugendzentrums. Mari will aber hier in Österreich bleiben. Ab kommendem Schuljahr wird sie in eine Musikhauptschule im dritten Wiener Gemeindebezirk gehen. Dort wird sie Klavier spielen lernen und im Chor singen. Wenn es nach ihrem Vater geht, soll Mari einmal „auf den großen Bühnen stehen.“ Aber wenn es nach ihr geht, wird sie Schriftstellerin. Eine deutschsprachige.

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